Polar Sea 360°

Episode 01

Der neue Mount Everest

Abfahrt und Seekrankheit Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Vater von zwei Töchtern. Im Sommer 2013 brach Tegnér auf, um mit seinen Begleitern Martin und Bengt die berühmte Nordwestpassage in seinem neun Meter langen Segelboot DAX zu durchqueren. Er gehört zu den wenigen Amateurseglern, die sich dieser enormen Herausforderung stellen. Tegnér erklärte sich bereit, seine Erfahrungen während des 9000 Kilometer langen Treks durch Eis, Meer und Schnee in Wort und Film für die zehnteilige TV-Serie „Polar Sea 360°“ zu dokumentieren.

24. Juni - Reykjavik, Island

Am Morgen habe ich Kerstin, Inez und Elsa zum Abschied zugewinkt. Ich fühle mich ungewöhnlich traurig. Elsa ist die Jüngste, sie ist sehr dickköpfig, künstlerisch veranlagt und talentiert. Inez kommt nach ihrer Mutter, Elsa eher nach mir. Ich glaube, sie machen sich ein wenig Sorgen. Nachdem ihr Bus abgefahren ist, schlendere ich zum Boot. Mein Drang, mich auf dieses Abenteuer einzulassen, ist stärker als die Sehnsucht nach meiner Familie. Ich weiß, dass ich es tun muss. Ich habe mich in letzter Zeit vom Leben etwas unterfordert gefühlt. Etwas fehlte, und ich begann mich zu fragen, ob das schon alles gewesen sein soll. Das spornte mich an, mehr aus meinem Leben zu machen. Und deshalb habe ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen. Ich werde viel zu erzählen haben, wenn ich zurückkomme.

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29. Juni

Wir segeln um 10.30 Uhr von Keflavik los. Ich habe zuvor einige Bücher über Amundsen und Franklin gelesen, weiß aber eigentlich nicht viel über die Nordwestpassage. Ich glaube jedoch, dass dieses Nicht-Wissen Teil des Abenteuers ist. Wie bei einem neuen Buch, da weiß man auch nie, was als Nächstes passiert. Das norwegische Schiff Impuls kommt nachts bei uns an. Eine Stunde, nachdem wir weitergefahren sind, kommt es hinterher. Als wir die Halbinsel von Keflavik passieren, setzen wir den neuen Kurs auf 265 Grad. Der sanfte Wind und der Wellengang erinnern mich an eine silberglänzende Berglandschaft. Die Wildnis, Stille und Dramatik menschenleerer Landschaften haben mich schon immer fasziniert.

„Das ist etwas, was ich einfach tun muss. Mir fehlen neue Impulse im Leben”

Wir fahren an mehreren Bojen vorbei, auf denen Fischer ihre Ausrüstung deponiert haben, und eine Holzlatte verfehlt das Boot um nur 20 Meter. Als wir weiter raus aufs Meer segeln, verschwinden die Bojen und stattdessen sehen wir Vögel, vor allem Möwen und ähnliche Seevögel. Sie haben einen weißen Rumpf, einen kurzen Schnabel und ihre schmalen, sichelförmigen Flügel sind grau mit einem weißen Punkt auf der Unterseite. Mir fällt ein Vogel auf, der besonders geschickt fliegt. Mit einer Flügelspitze berührt er beinahe das Wasser, so knapp fliegt er über der Oberfläche. Die akrobatischen Bewegungen scheinen ihm Spaß zu machen. Die Vögel schneiden vor dem Bug (Vorderseite) unseren Kurs, machen neben uns Kehrtwendungen und machen sich dann mit ein paar schnellen Flügelschlägen davon.

Auf die Tiere bin ich sehr gespannt. Ich hoffe, wir sehen Wale, Eisbären und Robben und hoffentlich lernen wir auch ein paar Menschen aus der Gegend kennen. Es wäre sehr interessant, sich mit ihnen zu unterhalten und mehr über ihre Lebensweise zu erfahren, die wohl ganz anders ist als meine eigene.

Schon bald werde ich seekrank. Es überkommt mich plötzlich unter Deck, und ich muss mich zweimal übergeben. Danach kann ich nicht mehr unter Deck gehen und nur noch auf den Horizont blicken. Dort sitze ich also, während Martin freudig in der Kajüte herumwerkelt, und bleibe 18 Stunden draußen bis die Wellen schließlich so abgeflacht sind, dass ich unter Deck kriechen kann. Dann schlafe ich von 4:30 Uhr bis 10:30 Uhr, was eine große Erleichterung ist.

 

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Messbarer Wandel Map it

Von Dr. Shfaqat Abbas Khan, Wissenschaftler am National Space Institute in Dänemark.

Upernavik, Grönland

Im Jahr 2000 besuchte ich Upernavik zum ersten Mal. Es war keine Forschungsexkursion, sondern eine Landesvermessung mit GPS wie sie standardmäßig durchgeführt wird. Ursprünglich komme ich aus Pakistan, daher bin ich eher an +40 Grad Celsius gewöhnt als an -40 Grad Celsius. Ich war mir nicht sicher, ob ich der Richtige für diese Reise war, aber da alle Kollegen am Institut mit anderen Projekten beschäftigt waren, hatte ich keine Wahl. Ich war von der Reise positiv überrascht. Es war nicht so kalt wie erwartet (+10 Grad Celsius). Die Luft war klar, der Himmel blau, die Landschaft war beeindruckend. Upernavik ist eine kleine Siedlung, wo jeder jeden kennt und – was noch wichtiger ist – wo sich die Leute einander helfen. Das hat mich an Pakistan erinnert. Wenn man etwas braucht, hat man einfach seinen Nachbarn gefragt. Überhaupt sind die Menschen in Grönland sehr freundlich und hilfsbereit. Da ich Mess- und Forschungsarbeiten in Grönland oft allein durchführe, frage ich Leute vor Ort, ob sie mich zu den Gletschern begleiten können. Ich habe mehrere Freunde in Upernavik und ich erkundige mich bei der Planung meiner Expeditionen immer nach ihrer Verfügbarkeit. Jetzt ist mir Grönland nicht mehr fremd. Im Gegenteil, es ist schön unter Leuten zu sein, denen man vertrauen kann. So steht einer erfolgreichen Feldforschung nichts im Wege.

„Das Grönländische Eisschild schmilzt schneller und schneller”

Die Oberfläche der Erde verhält sich wie eine Feder. Sie bewegt sich nach unten, wenn eine Masse sie beschwert und nach oben, wenn die Masse entfernt wird. Wir messen die vertikalen Verschiebungen feststehender GPS-Stationen, die sich am Rand des Grönländischen Eisschildes befinden. Mit diesen Forschungsdaten können wir dann neue Verschiebungen von Eismassen bestimmen. Außerdem messen wir die Bewegungsgeschwindigkeit der Gletscher mithilfe von GPS-Stationen, die auf den Gletschern platziert sind. Ihre durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt 10 bis 20 Meter pro Tag. In den letzten zehn Jahren hat sich jedoch die Geschwindigkeit der Gletscher in dieser und in anderen Regionen Grönlands mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass größere Eismassen vom Grönländischen Eisschild in den Ozean fließen oder – anders ausgedrückt – dass das Grönländische Eisschild schneller schmilzt.
 

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„Die große Schmelze hat begonnen. In den letzten zehn Jahren nimmt das mehrjährige Eis mehr und mehr ab”

Durch Messen von Eisgeschwindigkeit und Veränderungen der Eisdicken, wissen wir heute, dass ein Gletscher innerhalb weniger Jahre mehr als 100 Meter Eis verlieren kann. Das war für mich sehr überraschend. Ich ging davon aus, dass sich Veränderungen dieser Größenordnung erst nach Jahrzehnten oder gar einem Jahrhundert zeigen. Unsere Studie belegt, dass kleine Veränderungen der Luft- oder Wassertemperatur riesige Auswirkungen auf das Gletschersystem haben können. Es besteht die Befürchtung, dass die Veränderungen in der Zukunft noch größer ausfallen können.

Wenn das Eis Grönlands weiterhin mit dieser Geschwindigkeit abtaut, wird auch der Meeresspiegel schneller ansteigen. Für Grönland bieten sich jetzt zwar neue Möglichkeiten: Weniger Eis bedeutet, dass Schiffe das ganze Jahr lang Grönland erreichen könnten. Außerdem verringert sich, durch das Schwinden der Eismassen, ihr Druck auf den darunter liegenden Fels. Das Land taucht auf – und zwar schneller als der Meeresspiegel steigt, was wiederum zu mehr Landmasse führt. Für den Rest der Welt hat diese Entwicklung aber hauptsächlich negative Auswirkungen: mehr Überschwemmungen, mehr Stürme, weniger Land. Kleine Inseln werden ganz unter dem Wasser verschwinden.

Grundbesitzer in Grönland und Regierungen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene fangen bereits jetzt an, Maßnahmen zu treffen, um auf die Folgen des ansteigenden Meeresspiegels vorbereitet zu sein. Aber: Wird der Meeresspiegel in den nächsten 100 Jahren wirklich um 2m oder nur 20cm ansteigen? Das ist eine wichtige Frage, mit der sich Politiker auseinandersetzen müssen, um wichtige Entscheidungen treffen zu können. Daher haben wir als Wissenschaftler die Verantwortung, zukünftige Veränderungen vorauszusagen und verlässliche Prognosen zu stellen.

 

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Vorbereitungsmaßnahmen an der DAX Map it

Von Martin Sigge, schwedischer Ingenieur und Kapitän der DAX. Ein Jahr lang hat Martin die DAX, ein Hallberg-Rassy-Segelboot, für die Durchquerung der Nordwestpassage und das arktische Klima fitgemacht, welches das Boot dort im arktischen Sommer aushalten muss. Jetzt spricht er über seine Erfahrungen.

Uppsala, Sweden

Die Durchquerung der Nordwestpassage ist keine gewöhnliche Reise. Da die Wetterverhältnisse und die Beschaffenheit der arktischen Gewässer außergewöhnliche Bedingungen darstellen, unterscheiden sich derartige Reisen stark von Reisen in andere Regionen der Welt. Man muss einige Vorbereitungen treffen, wenn man mit seinem Boot durch kaltes Wasser, in dem Eis treibt, segeln will; das Segeln durch die Arktis ist ein ganz anderes Unterfangen als ein Segeltrip an Küstengewässern in wärmeren Klimaregionen. Wir haben uns auf die Reise vorbereitet, indem wir an der Außenhülle und im Inneren des Bootes erhebliche Veränderungen vorgenommen haben. Dabei standen Sicherheit und Komfort an erster Stelle.

„Da die Wetterverhältnisse und die Beschaffenheit der arktischen Gewässer außergewöhnliche Bedingungen darstellen, unterscheiden sich derartige Reisen stark von Reisen in andere Regionen der Welt”

Einer der ersten großen Unterschiede ist, dass man 24 Stunden pro Tag segelt. Wenn man bei uns vor Ort segelt, legt man für gewöhnlich über Nacht an, aber in der Arktis gibt es ganz einfach nicht genügend Plätze, an denen man nachts anlegen könnte. Wegen der sich verändernden Eisbedingungen muss man immer eine gewisse Geschwindigkeit halten und einen strikten Zeitplan einhalten. Die Fahrt von Island nach Grönland dauert im offenen Meer allein schon über eine Woche.

Als Teenager träumte ich davon, über den Atlantik zu den Karibischen Inseln zu segeln. Die Idee hatte sich in meinem Kopf regelrecht festgesetzt, aber wegen meiner Familie und meiner Arbeit hatte ich nie Gelegenheit dazu – das Leben kam dazwischen. Jetzt, nachdem mehr als 40 Jahre vergangen sind und ich die Gelegenheit dazu hätte, interessiert mich diese Reise nicht mehr. Damals war es schon ein großes Abenteuer von den Kanarischen Inseln nach Barbados zu segeln. Jetzt, im Zeitalter der Navigation mit GPS und Satellitentelefonen, segeln hunderte von Booten jedes Jahr mit der Hilfe von Passatwinden und einer digitalisierten Navigationsausrüstung von Gran Canaria zu den Karibischen Inseln. Jetzt brauche ich schon eine größere Herausforderung.

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„Manchmal kann die Wassertemperatur sogar unter null Grad fallen”

Als sich der Abfahrtstag näherte, wurde auch der Druck größer. Wir mussten gewährleisten können, dass alles auf der DAX funktioniert. Wegen der sehr langen, kalten Winter konnten wir das Boot nicht vor Ende April zu Wasser lassen, was uns mehrere Wochen in unserem Zeitplan zurückgeworfen hat. Unser Zeitplan ist sehr eng, aber wir müssen uns streng daran halten. Damit wir Anfang August Kanada erreichen, ist es unerlässlich, dass wir Island am 23. Juni verlassen. Das bedeutet, dass wir viele Arbeiten von unterwegs erledigen müssen.


Als erstes installierten wir in unserem Boot eine leistungsstärkere Heizung. In der Arktis ist es logischerweise kälter als in den – wie wir sie nennen – “bequemen” Breitengraden, die wir gewohnt sind. Wir haben also eine starke Heizung installiert, die heiße Luft ausströmt, um uns warm zu halten und die unsere Kleidung trocknet. Wenn man in diesen Regionen segelt, ist trockene Kleidung sehr wichtig. Die Winde können unter Umständen so stark sein, dass man sich fühlt, als stünde man unter einer eiskalten Dusche und die Räume, die unter der Wasserlinie liegen (im unteren Teil der Kajüten) können auf dieselbe Temperatur absinken, die das Wasser hat. Manchmal kann die Wassertemperatur sogar unter null Grad fallen, weil Salzwasser erst bei Temperaturen, die leicht unter null Grad liegen, gefriert.

„Wir müssen sicher sein, dass wir, falls die Zufahrt zum ersten Hafen vom Eis blockiert ist, nicht nur den nächstgelegenen Hafen erreichen, sondern auch den Hafen, der am zweitnächsten liegt”

Als nächstes isolierten wir die Außenhülle, um Kondensation vorzubeugen, denn bei diesen eiskalten Temperaturen kondensiert die Feuchtigkeit, die beim Atmen und Kochen entsteht, auf jeder kalten Oberfläche. Wir werden zwölf Extra-Kanister mit Diesel für den Motor und die Heizung mitnehmen. Der Motor ist unerlässlich für die langen Strecken zwischen den Häfen, die wir zurücklegen werden. Denn wir müssen sicher sein, dass wir, falls die Zufahrt zum ersten Hafen vom Eis blockiert ist, nicht nur den nächstgelegenen Hafen erreichen, sondern auch den Hafen, der am zweitnächsten liegt. Insgesamt haben wir 400 Liter Treibstoff dabei (der Bootstank fasst nur 120 Liter). Man kann so eine Reise nur mit der mechanischen Unterstützung eines funktionierenden Motors bewerkstelligen. Wenn kein Wind weht und wenn viel Eis im Wasser treibt, ist man ganz auf den Motor angewiesen.

Die dritte unverzichtbare Modernisierungsmaßnahme, die wir getroffen haben, war die Installation eines Radars, auf dem wir Eis erkennen können und mit dem wir unsere Sichtweite verbessern können. Erst vor ein paar Jahren kam eine neue Radartechnologie namens “Dauerstrich- oder CW-Radar (gemäß der englischen Bezeichnung “continuous wave”)” auf den Markt, die wir auf der DAX eingebaut haben. Im Vergleich zu alten Radarsystemen, die mit Impulssignalen arbeiten, hat der Dauerstrichradar vor allem bei kurzen Entfernungen eine viel bessere Auflösung und ermöglicht eine bessere Sicht. Außerdem verbraucht er viel weniger Energie. Alles, was innerhalb eines Radius von 50 Metern liegt, kann ein Standard-Radar nicht erfassen. Mit dem neuen Radar kann man dagegen fast seine eigenen Zehen sehen!

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„Ich segle seit 1976 mit demselben Boot; ich kenne jede Mutter und jede Schraube in- und auswendig”

Ein speziell für die Arktis geeignetes Segel-Equipment darf bei unserer individuellen Ausrüstung nicht fehlen. Ein Trockenanzug ist sehr wichtig, falls man auf dem Boot unter der Wasserlinie arbeiten muss. Wasserdichte Handschuhe, Skibrillen und warme wasserdichte Stiefel sind bei niedrigen Temperaturen und feuchtem Schnee ebenfalls unerlässlich.

Die DAX verfügt über einen 170 Liter fassenden Wassertank und einen Extra-Kanister für Notfälle, zum Beispiel, wenn der Haupttank ein Leck hat. Aber sobald wir auf Treibeis treffen, ist das kein Problem mehr, da das Wasser dann gefroren ist und wir es einfach schmelzen können. Wir haben eine Toilette und eine kleine Dusche mit Griff, damit wir auch gewisse Hygiene-Standards einhalten können. All diese zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen wirken sich auf das Gewicht der DAX aus; sie wiegt ein paar hundert Kilo mehr als sonst. Aber ihr Leergewicht beträgt normalerweise viereinhalb Tonnen, daher spielt das Zusatzgewicht letztendlich kaum eine Rolle.

Dieses Boot wurde 1976 gebaut. Wir sagten früher immer, dieses Boot kann mehr einstecken als jede Crew, daher wusste ich, dass es robust genug ist, um die Nordwestpassage zu durchqueren. Ich hab dieses Boot von meinem Vater übernommen, kurz nachdem ich beschloss, diesen Trip zu machen. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich dasselbe Boot benutzen würde, mit dem ich schon seit 1976 segele. Ich kenne jede Mutter und jede Schraube in- und auswendig.
 

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Der fünfte Tag auf See Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Vater von zwei Töchtern. Im Sommer 2013 brach Tegnér auf, um mit seinen Begleitern Martin und Bengt die berühmte Nordwestpassage in seinem neun Meter langen Segelboot DAX zu durchqueren.

3. Juli - Nordatlantik

Es ist jetzt fünf Tage her, dass wir Keflavik verlassen haben, und wir haben jede Menge Vögel, einige Fischerbojen und auch ein paar Wale gesehen. Die Impuls ist ein paar Seemeilen vor uns in Sichtweite. Die Tage verschwimmen und wir können kaum noch Sonnenuntergang von Sonnenaufgang unterscheiden. Das Meer ist ziemlich ruhig mit Wellen von 40 bis 50 Metern Länge. Die Wasseroberfläche ist immer wieder anders – hier und da ein Ölfleck, ein paar Riffeln, manchmal auch größere Wellen – und die Farbe tendiert ins Petroleumblaue.

„Die Tage verschwimmen und wir können kaum noch Sonnenuntergang von Sonnenaufgang unterscheiden”

Technische Details sind oft Gesprächsthema an Bord. Es geht um GPS, Kurs, Funkpeilung und Wettervorhersage, oder darum, was auf dem Boot instand gesetzt werden muss. Unruhe und Besorgnis sind verschwunden, es herrscht nur die Neugier darauf, wie sich das Verhältnis zwischen uns weiter entwickeln wird.

Ich glaube, Martin wird ein guter Kapitän sein. Man kann sich immer auf ihn und auf das, was er sagt, verlassen. Er redet nicht nur, sondern er schreitet auch zur Tat. Ich fühle mich sicher bei ihm. Bengt macht bis jetzt einen recht sanftmütigen Eindruck auf mich. Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn sehr gut kenne, aber er ist mir sympathisch. Er hat viel Humor und er findet immer etwas, worüber er sich amüsieren kann. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sich die Chemie zwischen uns entwickelt.

Ungefähr um 9 Uhr morgens fährt die Impuls seitlich neben uns heran und wirft uns einen Beutel mit frischen Zimtbrötchen herüber. Zur selben Zeit taucht eine Herde von Walen auf und folgt uns eine Stunde lang neugierig. Wir hören die Geräusche ihrer Blaslöcher, ehe wir sie urplötzlich genau neben uns auftauchen sehen. Sie folgen uns mit derselben Geschwindigkeit wie unser Boot. Sie sind schön anzusehen. Bengt hat Pasta mit Muscheln gemacht.

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Grönland im Wandel Map it

von Nive Nielson, einer talentierten Inuit-Künstlerin mit ausgefallenen Interessen. Sie komponiert gemeinsam mit Indie-Größen wie „The Black Keys“ und „Wolf Parade“, tritt in Blockbustern wie „The New World“ auf und geht mit ihrer Ukulele und ihrer Band „The Deer Children“ auf internationale Tournee. Die grönländische Musikerin gewährt hier Einblick in ihren unkonventionellen Lebensstil und ihre Vision von Grönlands Zukunft.

Nuuk, Grönland

Ich bin in Nuuk aufgewachsen, einer „großen“ Stadt mit 17 000 Einwohnern. Wir leben umgeben von hohen Bergen, die steil in den Ozean abfallen. Im Vergleich zu anderen grönländischen Kindern aus kleineren Dörfern (mit eigenen Hundeschlitten) wurde ich nicht ausgesprochen traditionell erzogen. Doch die Nähe zur Natur ist ein wesentlicher Teil jeder Kindheit in Grönland. Auch heute gehe ich jeden Sommer campen, fischen und wandern, und zwar ausgiebig. Manchmal zelten wir eine Woche lang oder wohnen längere Zeit mit Freunden und Familie in einer Hütte, fangen Fische, sammeln Beeren und Kräuter und kochen draußen.

„Meine grönländischen Wurzeln beeinflussen meinen Musikstil sehr. Ich habe ganz zufällig angefangen, Musik zu machen”

Gewiss ist Grönland ein bisschen frostig, aber es ist sehr, sehr schön. Die Städte sind alle klein (an der Einwohnerzahl gemessen), und durch die riesige, weite Natur fühlt man sich winzig. Bäume gibt es hier keine, und wir vermissen sie auch nicht – es gab ja nie welche. In der baumlosen Natur schweift der Blick ungehindert bis zum Horizont. Wo immer wir sind, sehen wir wunderschöne Landschaften. Die Luft ist knackig-frisch und sehr rein. Die Städte sind nicht durch Straßen miteinander verbunden, deshalb haben viele Leute Motorboote anstatt Autos – das erleichtert auch das Jagen, Fischen und Sammeln. Ansonsten muss man das Flugzeug oder den Hubschrauber nehmen, um von Stadt zu Stadt zu kommen.

Meine grönländischen Wurzeln und das Leben in diesem Land beeinflussen meinen Musikstil sehr. Ich liebe Herausforderungen, sie gehören zur Kultur Grönlands. Unsere Vorfahren haben sich für ein Leben in einer der schwierigsten, gefährlichsten und unwirtlichsten Gegenden der Welt entschieden und auf der Grundlage ihres Lebensstils eine reiche, lebendige Kultur geschaffen. Wir haben diesen Mut geerbt und wissen, dass wir jederzeit auf neue Konfrontationen vorbereitet sein müssen.

Ich habe ganz zufällig angefangen, Musik zu machen. Mein Freund, der Musiker ist, schenkte mir eine kleine Ukulele oder „Guitarlele“. Er sagte: „Hier, Nive, schreib mal ein paar Lieder!“ Ich habe es zunächst als Scherz abgetan. Doch damals langweilte ich mich beim Studium der Politikwissenschaft in Ottawa, und so fing ich an, mir das Spielen selbst beizubringen. Und dann habe ich eines Tages wirklich begonnen, Lieder zu schreiben, sie kamen einfach so aus mir heraus. Und etwas später spielte ich vor Leuten.

Zurzeit arbeite ich an meinem zweiten Album. Ich bin stolz, dass meine Band und ich von unserer Musik leben und reisen können. Doch nicht alle verdienen schon genug, um sich eine gesicherte Existenz aufbauen zu können.
 

 

„Mir fällt zwar auf, dass die junge Generation heute mehr Stolz und Selbstvertrauen an den Tag legt und ihrem grönländischen Erbe aufgeschlossener gegenübersteht, dennoch mache ich mir Sorgen um unsere Zukunft”

Grönländer sind ehrlich (manchmal auch zu direkt) und können über sich selbst lachen. Wir sind zähe, widerstandsfähige Menschen, die in der Vergangenheit brutal unterdrückt wurden. Dänemark gehörte wahrscheinlich zu den „netteren“ Kolonialmächten, aber trotzdem wurden wir wie minderwertige Menschen behandelt – manchmal bis heute. Dieses kulturelle und gesellschaftliche Handicap müssen die Menschen erst einmal überwinden. Es resultiert in Minderwertigkeitsgefühlen, die sich oft in destruktivem Verhalten äußern. Mir fällt zwar auf, dass die junge Generation heute mehr Stolz und Selbstvertrauen an den Tag legt und ihrem grönländischen Erbe aufgeschlossener gegenübersteht, dennoch mache ich mir Sorgen um unsere Zukunft.

Besorgniserregend sind zum Beispiel die aktuellen Bergbauvorhaben in Grönland, und in die Diskussionen darüber mischt sich oft die verzweifelte Hoffnung auf Geld, Jobs und das Streben nach Unabhängigkeit. Meine größte Sorge ist, dass sich die Menschen nicht vorstellen können, welche Folgen Bergbau und industrielle Entwicklung für ihr tägliches Leben haben werden. Ich befürchte, dass sie, wenn ihnen die wirklichen Konsequenzen irgendwann klar werden, sagen: „Hätte ich das gewusst, wäre ich dagegen gewesen.“ Nicht viele begreifen die realen, alltäglichen Auswirkungen industrieller Entwicklungen, man müsste sie den Menschen viel deutlicher vor Augen führen. In der Diskussion sollte es um die Frage gehen, zu welchen Opfern wir Grönländer für Geld bereit sind und ob die neuen Industrien wirklich das halten, was sie versprechen.

In meinem bisherigen Leben habe ich in Grönland tiefgreifende Klimaveränderungen beobachtet. Zum Beispiel die Schneemengen… man kann es kaum beschreiben. In meiner Kindheit sprangen wir den ganzen Winter über von den Hausdächern in den Schnee und sanken weich ein. Heute wäre das tödlich. Ich glaube, das bringt es auf den Punkt. Das beunruhigt mich. Die Wissenschaftler scheinen jedes Jahr aufs Neue erstaunt über das Tempo, mit dem der Klimawandel voranschreitet – aber wir tun so, als würde nichts passieren und verschmutzen die Umwelt weiter. Diese Diskrepanz wird immer größer.

In Grönland kann man aus jedem Fluss das sauberste, reinste Wasser trinken, aber unsere Erde ist empfindlich. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, und wir dürfen unseren Einfluss auf die Umwelt nicht länger verharmlosen. Ich meine auch mich selbst – da sitze ich hier und schreibe all dies im Flugzeug und trage damit selbst zur Verschmutzung bei. Ich weiß auch nicht, womit man anfangen soll, aber etwas muss sich ändern. Denkt, Menschen, denkt!

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