Polar Sea 360°

Episode 02

Reise durch das Eis

Angst und Zweifel Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Vater zweier Kinder. Nach einer langen Fahrt über das offene Meer erreichen Richard und seine Begleiter mit dem 9,5 Meter langen Segelboot DAX schließlich Grönland – der erste Stopp auf ihrer Reise durch die Nordwestpassage.

17. Juli - Nanortalik, Grönland

Neun Tage auf See ohne jeden Kontakt zum Land – mehr als ich je auf einem kleinen Schiff wie der DAX zugebracht habe. Doch nun liegen wir sicher in dem grönländischen Dörfchen Nanortalik. Sich zu waschen und sauber zu fühlen, ist inzwischen schon kein Thema mehr. Die bunten Häuser hier sehen aus, als hätte man zum Streichen immer die Farben genommen, die es gerade im Laden gab. Ich schaue mich um. Und selbst wenn ich mich frage, warum in aller Welt sich jemand gerade hier, in dieser monumentalen Wildnis niederlassen wollte, fühle ich an diesem Ort doch eine angenehm leichte und ungezwungene Atmosphäre.

Wir hatten geplant, zwei Tage in Nanortalik zu bleiben. Doch die Bewohner sagen uns, dass massives Eis die Ausfahrt versperren könnte und wir umgehend wieder ablegen müssen, wenn wir nicht zwei Wochen hier verbringen wollen. Wir gehen schnell in den Hafen, wo Martin, Bengt und ich unsere Besorgungen getrennt erledigen. Man ist an Bord schon genug zusammen, und es kann schwierig werden, immer bei Laune zu bleiben, wenn man auf so engem Raum wie auf der DAX miteinander leben muss, zumal in den vergangenen Tagen so viel passiert ist.

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Als wir die Südspitze Grönlands umrunden, geraten wir in einen grauenhaften Sturm, und nun ist es kalt und feucht in der Kabine. Die Stimmung ist nicht gerade optimistisch. Das Cockpit stand mehrmals unter Wasser, und die DAX wurde von gewaltigen Wellen hin- und hergeworfen. Alles, was nicht fest in der Kabine verankert war, schlitterte umher, selbst Martins Computer. Sogar eine unserer Kameras, die am Mast befestigt war, lockerte sich und baumelt jetzt an ihren Kabeln. Der Wind zerriss die Fock, sodass wir nun mit nur einer funktionierenden Fock weiter segeln mussten (die Rollfock war bereits zuvor zu Bruch gegangen).
 

„Alle Probleme stürzen gleichzeitig auf uns ein. Es ist laut und stürmisch, als wären wir in einer Schleuder. Ich denke bei mir: ‘Soll das etwa das Ende sein?'”

Dann bemerken wir beim Anlassen des Motors einen unangenehmen Brandgeruch. Die Motortemperatur ist zu hoch. Beim Abstellen sehen wir, dass der Ölstand zu niedrig ist. Außerdem ist die Umwälzpumpe für die Frischwasserkühlung kaputt, und wir installieren Martins Reservepumpe. Und weil eine Menge Öl im Kühlmittel war, müssen wir auch das wechseln. Alle Probleme stürzen gleichzeitig auf uns ein. Es ist laut und stürmisch, als wären wir in einer Schleuder. Und ich denke bei mir: „Soll das etwa das Ende sein?“ Der Wind weht weiter stürmisch und alle sind müde. Ich fühle mich immer noch winzig und habe Angst. Ich befürchte, dass uns die Probleme möglicherweise über den Kopf wachsen werden. Ein Trost ist der Kontakt zur Impulse. Wir geben uns gegenseitig Position, Kurs und Geschwindigkeit durch und nehmen die entsprechenden Korrekturen vor.

Obwohl ich Angst habe, gefällt mir diese Art des Reisens: die Komfortzone verlassen! Ich gehöre nicht zu denen, die Urlaub in der Sonne machen und Getränke am Strand brauchen. Das ist nicht mein Fall. Ich entdecke gern die Natur und liebe es, unterwegs zu sein. Wenn alles reibungslos verläuft, ganz ohne Probleme, entstehen keine Erinnerungen, es geht alles an einem vorbei. Schwierigkeiten schaffen Reibung – und die Erfahrungen, die man dann macht, vergisst man nicht.
 

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Navigation durch die Arktis Map it

Von Patrick Marchesseau, Kapitän der Le Boréal. Seit drei Jahren steuert der Kapitän Patrick Marchesseau nun schon das Kreuzfahrtschiff Le Boréal zwischen Spitzbergen, Grönland und der Baffin-Insel durch die Arktis. Nun berichtet er von seinem nautischen Wissen und von den Risiken, die die Fahrt durch die Arktis mit sich bringt. Außerdem spricht er von den Auswirkungen, die der Klimawandel auf diese Region hat.

Davisstraße, Grönland

Meine Leidenschaft für das Meer hat schon früh begonnen. Ich bin auf einer kleinen Insel vor der Atlantikküste Frankreichs aufgewachsen und besuchte, seitdem ich sechs Jahre alt war, eine Segelschule. Mit der Zeit wuchs meine Begeisterung für das Meer und es war immer mein Traum, einmal die Polarregion zu erkunden. Wenn man ein Schiff durch arktische Gewässer steuert, muss man sehr achtsam sein, es ist eine große Heraus-forderung. Die Kartographie der Polarregion ist weniger präzise wie in anderen Regionen, also muss man seine eigenen Informationen sammeln und Ruten folgen, die man für sicher hält. Ich finde es aufregend, so durch die Polarregion zu navigieren, wie es früher die Entdecker taten. Auch ich suche nach neuen Orten, die man erkunden kann. Mir stehen jedoch bessere Navigationsgeräte zur Verfügung.

„Diese Art der Navigation bedeutet, dass man die Region zum Teil selbst erkunden muss und das hat eine abenteuerliche Seite”

Man kann die Nordwestpassage (NWP) nur zu einer bestimmten Jahreszeit befahren – ab Ende August für ungefähr einen Monat. Das heißt, sie ist Anfang September passierbar und Ende September friert sie wieder ein. Aber in den letzten Jahren wurde die durchschnittliche Zeitspanne, während der man die Nordwestpassage befahren kann, immer länger, weil es immer weniger Eis auf dem Meer gibt – eine direkte Folge des Klimawandels.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind deutlich erkennbar. Der Klimawandel ist Realität und keine Fantasie. Erst kürzlich machte ich eine Gletschertour an der Westküste von Grönland. Obwohl ich erst seit drei Jahren diese Kreuzfahrten um Grönland mache, fiel mir auf, dass der Gletscher kleiner geworden ist. Es ist offensichtlich.

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„Wenn uns hier etwas passieren würde, hätten wir keine Aussicht auf eine schnelle Rettung. Darüber sind wir uns alle im Klaren”

Es ist eine Kunst durch das Eis zu navigieren, wobei es zuallererst auf die Sicht ankommt. Man muss sein Schiff sehr gut kennen. Welche Kapazitäten und welche Grenzen hat es? Wie verhält es sich beim Manövrieren und vor allem welches Eis kann es durchbrechen oder durchfahren? Das bedeutet, je mehr Eis im Meer schwimmt und je dicker das Eis ist, umso langsamer muss man fahren.

Es gibt verschiedene Arten von Eisbergen. Ein großer Eisberg, der normalerweise eine quadratische oder rechteckige Form hat, ist wortwörtlich ein Eisberg, der sich von der arktischen Küste gelöst hat. Mit der Zeit schmelzen sie und zerfallen zu kleineren Eisbergen, die ungefähr die Größe eines Hauses haben. Diese nennen wir “bourgignon”. Eisberge von der Größe eines Autos nennen wir “grollers”. Außerdem gibt es noch Eisberge, die von einer Gletscherkante abbrechen (den Prozess nennt man “Kalben”). Diese Eisberge können ganz unterschiedliche Formen und Größen haben. Das sieht ziemlich spektakulär aus. Letztes Jahr in der Antarktis habe ich meinen bisher größten Eisberg gesehen. Er hatte die Größe von Paris, ungefähr 25km auf 15km, sehr beeindruckend.

Beim Thema Eisberge denkt jeder an die Geschichte der Titanic. Aber für uns sind Eisberge keine Gefahr, weil wir sie immer auf dem Radar sehen. Uns beunruhigen viel mehr die mittelgroßen Eisbrocken, die so genannten “grollers”. Wenn wir mit einem “groller” kollidieren, kann er einen Riss im Rumpf des Schiffes verursachen. Wenn uns hier in arktischen Gewässern etwas passieren würde, hätten wir keine Aussicht auf eine schnelle Rettung und darüber sind wir uns alle im Klaren. Die Wassertemperatur beträgt 2 Grad Celsius. Wenn unser Schiff untergeht, könnten wir nur ein paar Minuten lang überleben. Daher stehen wir im ständigen Kontakt zur Küstenwache. Sie überprüfen, ob bei uns und den anderen Schiffen in der Nähe Grönlands alles in Ordnung ist.

„Es ist schon sehr spektakulär, was die Natur mit Eisbergen anstellt”

Man benutzt auf See vor allem seine Augen, sie sind das beste Werkzeug. Die Le Boréal ist zusätzlich mit Navigationsinstrumenten zum Durchqueren von arktischen Gewässern ausgestattet. Wir benutzen Meereskarten und GPS bzw. elektronische Karten als Navigationshilfen, aber nicht als Hauptquellen für die Navigation. Da wir durch unerschlossene Gebiete fahren, fehlt es den Karten manchmal an Präzision. Die Tiefe messen wir mit dem Radar und dem Sonar, und zwar entweder vertikal zum Schiff oder direkt vor dem Schiff. Wir bevorzugen Radarmessungen, weil sie präziser sind und mehr Sicherheit gewährleisten. Für die nächtlichen Fahrten ist das Schiff mit zwei kräftigen Suchscheinwerfern ausgestattet, mit denen wir erkennen können, ob sich Eis vor uns befindet.

Die Inuit navigieren lediglich mit ihrer Sicht. Sie wissen genau, wo sie welchen Gletscher passieren können, in welchen Gebieten das Wasser flach ist und wo die Strömung stärker wird. Sie verlassen sich nicht auf Karten und sie brauchen kein GPS. Alles basiert auf Erfahrung, dem Wissen der Ortskundigen und auf der Sicht. Ihre Art der Navigation ist ganz anders als die, die wir praktizieren. Wir haben diesbezüglich noch viel zu lernen.

Vor den Wetterverhältnissen muss man sehr großen Respekt haben. Man muss immer bedenken, dass letztendlich das Wetter entscheidet, ob man anhalten kann oder nicht. Es kommt auf das Eis, den Wind und das Meer an, die dich immer in die Schranken verweisen können. Hier ist man auf sich gestellt und man darf keinen Fehler begehen.
 

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Von Zürich in die Arktis

Von Philipp Cottier, Schweizer Investor, Philanthrop, Vater von drei Töchtern. Der leidenschaftliche Bergsteiger und Segler liebt Herausforderungen und hat 2013 mit seiner Familie einen Rekord aufgestellt: Er durchquerte als erster die Nordwestpassage auf einem Segel-Katamaran.

Wir sind fünf in unserer Familie: Marielle, Philipp, Naïma (15), Line (12), Anissa (9). Weil Marielle aus der Romandie stammt und ich aus der deutschsprachigen Schweiz komme, werden bei uns zwei Sprachen gesprochen. Unser Lebensstil gleicht dem anderer Familien, außer dass wir im Urlaub meistens gemeinsam segeln oder auf Abenteuer gehen. Vor einer Weile haben wir uns insgesamt zwei Jahre Auszeit genommen: 2010 sind wir sieben Monate durch die Karibik gesegelt und fünf Monate über Land durch Asien und Afrika gereist. 2013/14 haben wir die Nordwestpassage durchsegelt und danach in Schanghai gelebt, gearbeitet und studiert. Wir lieben die freie Natur, Abenteuer und Sport, genießen aber auch das normale Stadtleben. Unser Familienzusammenhalt ist groß, und wir verbringen unsere Zeit sehr intensiv und sinnvoll miteinander.
 

 

„Die Arktis hat mich schon immer fasziniert. Es ist ein sehr intensiver und schöner Ort, an dem ich eine große Nähe zur Natur und zu mir selbst spüre.”

Unseren Katamaran Libellule haben wir 2008 nach dem Verkauf meiner Hedgefonds-Firma erworben, um einen Lebenstraum zu verwirklichen – Segeln lernen. Marielle und ich sind beide erfahrene Bergsteiger, doch die Schweiz bietet als Binnenstaat nicht gerade viele Möglichkeiten für die Seefahrt. Und als wir erst einmal zu segeln begonnen hatten, kam eine Reise zur nächsten. Vom Mittelmeer (2009) ging es durch die Karibik (2010) und die Ostküste der USA hinauf (2010). 2011 holten wir Libellule über Grönland und Island wieder zurück ins Mittelmeer. Dabei kam uns die Idee, 2013 die Durchquerung der Nordwestpassage zu versuchen.

Die Arktis hat mich schon immer fasziniert. Es ist ein sehr intensiver und schöner Ort, an dem ich eine große Nähe zur Natur und zu mir selbst spüre. Vor unserem Versuch der Durchquerung der Nordwestpassage bin ich ausgiebig durch Alaska, Yukon, Spitzbergen und Grönland gereist. Das Licht und die Atmosphäre des Nordens haben mich seit jeher fasziniert. Doch die Arktis mit einem Segelboot zu bereisen ist ein anderes, noch packenderes Erlebnis. Mit einem Boot kann man Orte erreichen, die anderen versagt bleiben (und dabei gleichzeitig etwas mehr Komfort genießen, als wenn man in einem Zelt schlafen und Mücken vertreiben muss!).

Überall in der Arktis begegneten wir freundlichen und offenen Menschen. Doch die kulturellen Unterschiede zwischen den östlichen und westlichen Gebieten sind sehr groß. In Grönland fanden wir eine noch intakte Inuit-Kultur vor. Dagegen war der Lebensstil in den Ortschaften der Inuit in Kanada und Alaska ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Die Menschen dort leben in modernen Häusern, es gibt Fast Food und Satellitenschüsseln. Das fand ich irgendwie schade. Aber die Arktis ist natürlich kein Museum, und es wäre unfair und unrealistisch zu erwarten oder zu verlangen, dass die Menschen dort wie Bilderbuch-Inuit leben.

„Der Lebensstil in den Ortschaften der Inuit in Kanada und Alaska ist ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Die Menschen dort leben in modernen Häusern, es gibt Fast Food und Satellitenschüsseln”

Interessanterweise schienen viele Bewohner ganz zufrieden mit dem durch den Klimawandel verursachten Temperaturanstieg und den milderen Wintern zu sein. Sie sehen darin nämlich potenzielle wirtschaftliche Chancen für sich. Für das empfindliche arktische Milieu ist das hochkomplexe Thema Klimawandel von besonderer Brisanz. Temperaturen und Salzgehalt der arktischen Gewässer ändern sich und beeinflussen Meeresströmungen und Meereslebewesen stark.

Durch meine Reise wurde mir klar, wie kompliziert das Thema Klimawandel tatsächlich ist. Wir sahen zum Beispiel viel mehr Packeis als erwartet. Es waren 30 % mehr Fläche von Eis bedeckt als im Vorjahr, und einige Bewohner sagten uns sogar, sie hätten seit 20 oder 30 Jahren nicht mehr so viel Eis gesehen. Das heißt aber nicht, dass sich der Trend nun umkehrt. Denn das viele Packeis im Sommer 2013 war nur ein statistischer Ausreißer, der höchstwahrscheinlich infolge einer Kombination von kaltem Winter, meist dünnem einjährigem Eis und starken nordwestlichen Winden im Sommer zustande kam. Der Klimawandel ist leider eine unumstößliche Tatsache, und wir müssen tun, was in unserer Macht steht, um die Folgen zu mildern. Schönheit und Einzigartigkeit der unberührten Arktis haben meine Vorstellungen weit übertroffen und wir müssen unbedingt alles daran setzen sie zu erhalten.

Unsere Fahrt durch die Nordwestpassage lehrte uns, dass es sich lohnt, seine Träume zu verwirklichen, auch wenn es großer Anstrengungen bedarf und die Gefahr des Scheiterns besteht. Man sollte nicht im Bedauern, es nicht gewagt zu haben, alt werden. Ich habe gelernt, beharrlich zu sein und nicht aufzugeben. Es war eine tolle Erfahrung, solch ein Abenteuer mit der ganzen Familie zu bestehen. Das erfordert schon etwas mehr Vorbereitung und erhöht die Belastung während der Reise. Nur wenigen Menschen ist das Glück beschieden, so mit der Familie reisen zu können wie ich. Ich möchte meinen Töchtern die Schönheit der freien Natur nahebringen, ihnen Abenteuergeist und Ausdauer vermitteln, Lust am Reisen und Offenheit für andere Kulturen. Sie haben sich hervorragend in der Nordwestpassage geschlagen, sich nie beklagt, die Kälte bestens verkraftet und sich mit allem stark identifiziert. Für sie war es eine ebenso einmalige und prägende Erfahrung wie für uns.

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Eismusik Map it

Terje Isungset, der norwegische Ausnahmemusiker, Komponist und Gründer des weltweit einzigartigen "Ice Music Festivals" ist bekannt für seine innovative und konzeptuelle Herangehensweise an Musik. Online Director des "Polar Sea 360°"-Projekts Stephanie Weimar hat Terje interviewt, um herauszufinden, warum sich Eis so wunderbar zum Musikmachen eignet.

Upernavik, Grönland

Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Eis einen Klang erzeugt?

A: Im Jahr 2000 fragte man mich, ob ich Musik für ein Konzert beim “Frozen Waterfall Music Festival” komponieren möchte. Ich beschloss, für das Konzert echte Elemente des Wasserfalls, Steine, Holzstücke und Geräusche des Flusses zu benutzen. Diese haben wir dann mit herkömmlichen Instrumenten kombiniert. Was dabei herauskam, hörte sich einfach fantastisch an. Ein Jahr später beschlossen wir, die weltweit erste Eismusik-Platte aufzunehmen.

„Eis klingt anders im Vergleich zu herkömmlichen Instrumenten. Es ist unglaublich schön, ein ganz neues Universum des Klanges und der Musik”

F: Mich interessiert wirklich, wie Eismusik gemacht wird? Ist der Klang je nach der Beschaffenheit des Eises unterschiedlich?

A:Ja, das Eis uralter Gletscher aus der Arktis erzeugt sehr viel Klang, während zum Beispiel künstliches Eis gar keinen Klang erzeugt. Das Eis der Eisberge von Grönland hat wiederum einen ganz eigenen Klang. Dieses Eis benutze ich gerade für meine neue CD.

Es ist wirklich mit Worten schwer zu beschreiben, warum es anders klingt, aber es hat mit den Tönen und Vibrationen zu tun, mit dem Klangbild. Gletschereis klingt unterschiedlich je nachdem woher es kommt und wie alt es ist. Im Allgemeinen gilt: Je tiefer es lag (je älter es ist) umso höher war der Druck. Dieses ältere Eis ist durchsichtig, und genau danach suche ich, da es mehr Tonresonanz hat. Es ist jedoch schwer zu finden. Normalerweise ist Gletschereis wegen der Luftblasen weiß. Manchmal sind Schmutz oder andere Komponenten ins Eis eingeschlossen und dadurch klingt es weniger. Das Eis macht dann nur “bumm” und nicht “buuummm”.

 

„Eismusik zu machen ist als würde man einen Kommentar zum Klimawandel abgeben, ohne dabei zu sprechen”

Der Klang hängt auch davon ab, wie das Wasser schließlich zu Eis wurde. Das Eis vom Südpol ist noch nie zuvor geschmolzen, daher ist es weißer und hat weniger Resonanz. Wenn man ein flaches Stück Eis vom Südpol zerbricht, macht es “klick”. Ein gleich großes Stück Eis vom Nordpol macht “kling”. Ich bin natürlich kein Wissenschaftler oder Experte in Sachen Klang, aber ich bin Experte was den Klang von Eis betrifft.

F: Warum, glaubst du, erzeugen manche Eisstücke einen Klang, andere nicht?

A: Das kann ich nicht erklären. Es ist eines der Geheimnisse des Eises. Bei künstlichem Eis sieht man zum Beispiel äußerlich keinen Unterschied, aber es erzeugt keinen Klang. Ich habe künstliches Eis in Kanada, Australien, Indien, Russland, Japan, China und in ganz Europa ausprobiert, aber es war überall dasselbe. Ich glaube, es hat mit der Behandlung von Wasser zu tun. In Russland hatten wir kürzlich 100 gleich geschnittene Stücke von natürlichem Eis, aber nur 10 der 100 Stücke erzeugten einen Klang. Bei den anderen Stücken hörten wir nichts. Das ist schwer zu verstehen.

F: Wie war es für dich, mit dem Eis von Upernavik (Grönland) Musik zu machen, das von extrem alten Gletschern stammt. Was ist das Faszinierende am Alter des Eises?

A: Man kann nur ungefähr erahnen wie alt das Eis ist. Das genaue Alter kennen wir nicht. Dänische Wissenschaftler haben einmal Bohrungen im Eis von Grönland gemacht, das mindestens 140 000 Jahre alt war. Eismusik zu machen, ist für mich ein tiefgehendes Ereignis, nicht nur wegen des Alters des Eises und der Erde, sondern auch wegen der vergleichsweise kurzen Zeit, während der wir Menschen hier sind. Ich arbeite gern rein konzeptuell, vor allem bei Elementen der Natur, und vor allem bei Eismusik. Ich suche zum Beispiel in der Natur nach den Instrumenten, gestalte den Veranstaltungsort in der Natur und baue die Instrumente in der Natur. In der Natur Musik zu machen hat für mich eine tiefere Bedeutung. Es drückt die Verbundenheit mit der Natur aus.

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„Die Natur ist stärker als wir und doch ist sie so zerbrechlich. Wir müssen behutsam mit ihr umgehen. “

Ich denke, dass es für Menschen wichtig ist, wenn sie sich auch mal klein fühlen. Die Natur ist stärker als wir und doch ist sie so zerbrechlich. Wir müssen behutsam mit ihr umgehen. Wir sind erst seit sehr kurzer Zeit auf der Erde. Wasser und Eis dagegen gibt es hier schon seit Millionen von Jahren. Das rückt die Dinge wieder ins richtige Licht.

Das schwierigste in Upernavik war, an das Eis heranzukommen. An den Eisbergen vorbeizufahren ist unbeschreiblich. Sie scheinen so nah zu sein, aber das Boot kann nie so nah ran fahren, dass man sie aus dem Ozean ziehen könnte. Es ist für mich natürlich wie Weihnachten, wenn wir neues Eis finden und seinen Klang untersuchen.

F: Spielst du auch noch andere Instrumente und schreibst herkömmliche Musik, die ohne Eis gespielt wird? Wie unterscheidet sich das von der Eismusik?

A: Ich bin Schlagzeuger und Percussionist. Der Hauptunterschied ist, dass ich die anderen Instrumente bis ins kleinste Detail kenne. Ich weiß genau wie sie klingen und spiele sie schon seit meiner Kindheit. Eis ist dagegen sehr zerbrechlich und es schmilzt. Auch was die Logistik betrifft, ist es schwieriger, mit Eis zu arbeiten und es ist viel mehr Arbeit. Aber das Eis passt sehr gut zu meinen anderen musikalischen Konzeptarbeiten. Ich habe Konzerte gegeben, bei denen Nahrungsmittel, Holz, Müll oder Industriegeräusche meine Instrumente waren.

F: Wo wirst du als nächstes spielen?

A: Wir wollen Ende Februar oder Anfang März 2015 nach Kanada fahren und dort meine neue Platte Meditation vorstellen. Wir wurden auch nach Sibirien, Portugal, Frankreich, Japan, Australien, Dänemark und Schweden eingeladen, aber dafür haben wir noch keine genauen Termine. Die Konzerttermine werden aber auf der Internetseite www.icemusic.no angekündigt. Und natürlich treten wir auf dem “Ice Music Festival” in Geilo, in Norwegen auf (5.- 7.Februar). Kommt vorbei und besucht uns!

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Die Nordwestpassage und ihre Geschichte

Als den frühen europäischen Entdeckern klar wurde, wie groß Nordamerika wirklich war, wurde die Nordwestpassage zu einer Art gefrorenem Heiligen Gral, der ihnen ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Ab dem 15. Jahrhundert lockte die unwirtliche Nordwestpassage Entdecker an, die auf der Suche nach einer kürzeren Route von Europa nach Asien waren. Viele Seefahrer bezahlten die Suche mit dem Leben; bis es im Jahr 1906 einer Schiffsmannschaft unter der Leitung von Roald Amundsen erstmals gelang, die zahlreichen Herausforderungen des arktischen Archipels zu überwinden und erfolgreich die Passage von Osten nach Westen zu durchqueren.

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Roald Amundsen, der Letzte Wikinger

Von Stephen Bown, dem Autor von The Last Viking, the Life of Roald Amundsen

Nach wochenlanger Fahrt durch das karge, vereiste Terrain, lief Roald Amundsens Schiff im September 1903 in der Rae-Straße auf einen unter Wasser liegenden Felsen auf. Es kam ein Sturm auf und zwei Tage lang schlugen große Wellen und heftige Winde “mit unablässiger Gewalt” gegen das kleine Segelschiff. “Auf mir ruhte die ganze Verantwortung”, erinnerte sich Amundsen, “und es kam der Moment, in dem ich eine Entscheidung treffen musste – die Gjöa verlassen… oder mit der ganzen Besatzung dem Tod ins Auge blicken.” In einem letzten verzweifelten Rettungsversuch warfen die Männer große Mengen der Fracht über Bord, um das Gewicht des Schiffs zu verringern. Durch eine große Welle wurde die Gjöa “gehoben und mit Gewalt gegen den nackten Fels geschleudert, bumm, bumm, bumm – mit unglaublicher Wucht…” Die Gjöa – beschädigt aber frei – glitt von den Felsen in die bewegte See. Das war weder das erste noch das letzte Mal, dass Roald Amundsen und seine sechs Mann starke Besatzung während der Durchkreuzung der Nordwestpassage zwischen 1903 und 1906 nur knapp einer Katastrophe entgangen waren.

Obwohl er heute hauptsächlich als “dieser Norweger, der Scott am Südpol zuvorkam” bekannt ist, war Amundsen seiner Zeit der am größten gefeierte Entdecker überhaupt. Er war damals auch unter dem Namen Der letzte Wikinger bekannt. Seine gewagten und abenteuerlichen Eskapaden, die unter anderem in mehreren überlebten Flugzeugabstürzen und einem Angriff eines Eisbären resultierten, führten im Laufe seiner mehrere Dekaden umfassenden Karriere zur Erweiterung unseres geografischen Wissens und hielten Millionen von Menschen in Atem.

„Es kam der Moment, in dem ich eine Entscheidung treffen musste – die Gjöa verlassen… oder mit der ganzen Besatzung dem Tod ins Auge blicken.” – Amundsen

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Man muss bedenken, dass Amundsen seine Expeditionen zu den Polargebieten vor einem Jahrhundert durchführte, als dieses Terrain noch Terra Incognita war. Es gab keine Führer vor Ort, keine verlässliche Kommunikation und keine Außenposten für Notfälle und zur Versorgung. Eine weitere Herausforderung stellten primitive Aufbewahrungsmethoden von Nahrungsmitteln und noch wenig entwickelte Stoffe und Kleidungsstücke dar. Aus damaliger Sicht waren die Polarregionen noch viel entlegener und gefährlicher als heute.

Amundsen war ein enigmatischer Mann und er war so erfolgreich, weil er sich von den meisten anderen Entdeckern seiner Zeit unterschied – er verachtete und verhöhnte allgemein gültige Gepflogenheiten, war bereit von jedem zu lernen und er war ein großer Träumer. Er blickte immer in die Zukunft und entwickelte seine Techniken und Technologien mit der Zeit weiter und verbesserte sie. Wie ein Künstler, der sich zwischen verschiedenen Medien hin und her bewegt, wechselte er von Segelschiffen zu Skiern und Hundeschlitten und von Zweideckern zu Luftschiffen. Er erfand sich dabei immer wieder neu.

„Amundsen war seiner Zeit der am größten gefeierte Entdecker überhaupt. Er war damals auch unter dem Namen Der letzte Wikinger bekannt”

Er war ein charmanter Exzentriker mit viel Selbstironie und ein guter Geschichtenerzähler. “Ich versuchte mich in Poesie”, schrieb er, während er auf dem Weg zum Südpol war, “der ruhelose Geist der Menschen, die geheimnisvolle, Ehrfurcht gebietende Eiswildnis – aber die Poesie taugte nicht viel; ich nehme an, es war zu früh am Morgen”. Laut Ellsworth, der ihn bei zwei Polarexpeditionen begleitete, überkam Amundsen ein “heroischer physischer Appetit, der der Stärke seines ruhelosen Geistes entsprach.” Er schien bei einer monotonen Diät mit Pemmikan und Haferkeksen förmlich aufzublühen, aber er konnte fast alles essen – jedenfalls war er von der Jagd auf ungewöhnliche Tiere nie abgeneigt. Delfine, Robben und Pinguine schmeckten, so Amundsen, “nicht viel anders als Rindfleisch”. Einmal aß er sogar seine eigenen Schlittenhunde. Obwohl Amundsen nicht viel Alkohol trank, gönnte er sich jeden Nachmittag um genau 5 Uhr ein Glas Aquavit oder einen anderen Likör.

„Der wahre Schatz der Nordwestpassage war für Amundsen das Wissen und die Technologien der Inuit”

Man sollte Amundsen als einen der größten technisch-versierten Entdecker aller Zeiten in Erinnerung behalten. Sein Expeditionsstil und seine rationale und unromantische Herangehensweise führten in den unwirtlichsten und unerbittlichsten Orten der Erde, wo ein kleiner Fehler die Mission beenden oder den Tod zur Folge haben konnte, zum Erfolg, wo andere scheiterten. Amundsens Expeditionen, die mit großer militärischer Begeisterung und unverkennbarer Eigenwerbung durchexerziert wurden, veränderten für immer die Wahrnehmungsweise geografischer Gegebenheiten und die Planung zukünftiger Expeditionen.

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Eisberge Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Vater zweier Kinder. Nach einer langen Fahrt über das offene Meer erreichen Richard und seine Begleiter mit dem 9,5 Meter langen Segelboot DAX schließlich Grönland – der erste Stopp auf ihrer Reise durch die Nordwestpassage.

22. Juli - Diskobucht, Grönland

Während meiner Schicht von 4 bis 8 Uhr früh begegnen wir auch einigen Eisbergen. Zur Erklärung sollte ich vielleicht erwähnen, dass es sehr schwierig ist, Gischt von Eisbergen zu unterscheiden, wenn man sich stundenlang über die Wellen bewegt. Manche Eisberge sehen aus wie Alpengipfel, andere wie Schiffe oder Styroporautos, aber sie nehmen auch alle möglichen anderen Formen an. Einige scheinen vollkommen still zu verharren, während andere sich heftig in den Wellen bewegen. Auf einen Eisberg oder einen kleineren Eisbrocken zu stoßen, ist unsere ständige Sorge.
 

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