Polar Sea 360°

Episode 04

Wilde Wissenschaft

Anlegen im Paradies Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Chronist der Reise auf der DAX durch die Nordwestpassage. Die Crew der DAX segelt zum sonnigen Strand von Cape Hatt, um neue Justierungen am Segelboot vorzunehmen.

9. August - Cape Hatt, Nunavut

Als ich aufstehe, werde ich von einem wunderbaren sonnigen Morgen begrüßt. Ich frühstücke allein auf der Brücke und danach fahren Bengt und ich mit dem Gummiboot an Land, um Trinkwasser, Ölkanister, Eimer, Trichter, Cracker und die Kamera zu holen. Wir haben eine geeignete Quelle in einer Schlucht unterhalb von einigen Endmoränen gefunden, um die Kanister mit frischem, kaltem Quellwasser zu füllen. Wir tragen sie zum Strand und gehen dann ein Stück den Berg hinauf. Ich habe viel gefilmt und glaube, die Aufnahmen sind gut geworden.

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Die Aussicht von einem der niedrigeren Gipfel ist genauso, wie ich sie mir erhofft habe. Ganz oben sieht Bengt, der die andere Seite der Schlucht hinaufwandert, wie ein kleiner Punkt auf dem Bergkamm aus. Von oben hat man einen imposanten Ausblick. Ich komme mir selbst auch ganz klein und unbedeutend vor.

Wir fahren mehrere Male mit dem Beiboot und den Wasserkanistern hin- und her und kommunizieren über UKW-Funk. Wir tanken voll und verstauen noch zwei 10-Liter-Kanister hinten im Boot. Wir versuchen vom Boot aus zu angeln und fangen einen kleinen Stichling, dessen Maul kaum größer ist als der Haken. Ich befreie ihn und werfe ihn wieder zurück ins Wasser. Bengt macht uns zum Abendessen Nudeln mit Dosenschinken (Jaka Bov) und Tomatensoße.

 

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Die Narwaljagd von heute Map it

Von Natasha Mablick, einer aufstrebenden Geschichts- und Sprachlehrerin, die jeden Frühling und Sommer bei Pond Inlet Narwale jagt. Sie spricht über ihre Beziehung zum Jagen und über die starken Veränderungen der Migrationsmuster der Narwale, die ihr dieses Jahr auffielen.

Milne Inlet, Nunavut

Narwale sind ein wesentlicher Bestandteil der Inuit-Kultur. Sie gehören zum Speiseplan der Inuit. “Makataaq”, die Haut des Narwals, kann man gekocht oder roh essen; mit Sojasoße schmeckt sie besonders gut! Die Konsistenz ähnelt der von Kraken. Das Fleisch kann man kochen oder trocknen und dann braten. Außerdem benutzen wir das Gewebe an den Narwal-Sehnen, um damit Kamiks (Stiefel aus Robbenhaut) wasserdicht zu machen.

Für mich sind Narwale so wichtig, weil sie Teil meiner Kultur sind, und die möchte ich nicht verlieren. Wir ernähren uns von Narwalen und diese Tradition muss Generation für Generation weitergegeben werden. Hätte mir früher keiner beigebracht, wie man Narwale jagt, könnte ich heute niemals an einer Jagd teilnehmen. Zum Beispiel gibt es bestimmte Orte für den Walfang: Dort getötete Wale schwimmen auf dem Wasser, woanders würden sie untergehen.

„Für mich sind Narwale wichtig, weil sie Teil meiner Kultur sind, und die möchte ich nicht verlieren”

Narwale sind Migrationstiere und wie die meisten Tiere, folgen sie dem Futter und reagieren auf Veränderungen der Umwelt. Sie leben im offenen Meer und ziehen im Mai und Juni nach Norden, wenn das Eis sich allmählich zurückzieht. Anhand der Veränderungen der Umwelt wie Fluktuationen des Salzgehaltes im Ozean – wenn das Wasser gefriert und auftaut – erkennt der Narwal, wenn es Zeit wird, den Ort zu wechseln. Diese Informationen werden ebenfalls von Jägern verwendet, um die Migrationsmuster von Narwalen zu verstehen. Das Fischereiamt hat während der letzten drei Sommer Narwal-Bewegungsmuster aufgezeichnet und ihre Beobachtungen mit der Gemeinde geteilt. Diese Kommunikation ist für alle Inuit-Jäger vor Ort und in anderen Regionen für die Jagd von großer Bedeutung. Jäger tauschen sich immer über Funk miteinander aus und geben ihre Informationen über das Wetter und die Tiere, die sie in der Region sehen oder nicht sehen, weiter.

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Wir fangen Narwale nur im Frühling und Sommer. Es gibt zwei Fangmethoden: Entweder man jagt sie vom Boot aus oder vom Rand einer Eisscholle aus und benutzt die Boote nur, um den Fang aus dem Wasser zu holen. Im Mai, wenn das Meer sich allmählich öffnet, begeben wir uns nach Nallua (Low Point) oder Saattut (Lavoie Point). Im Sommer, wenn das Eis dann ganz aufbricht, ziehen die Narwale in Richtung Osten nach Milne Inlet und Tremblay Sound, um sich auf die Geburt ihrer Kälber vorzubereiten. Die diesjährige Jagdsaison scheint sich von vorherigen Jahren zu unterscheiden. Keiner hat einen Narwal fangen können, weder in Nallua, Saattut oder Tremblay Sound, noch in Milne Inlet. Das gleiche Bild bietet sich den Jägern überall im Norden. Es scheint dieses Jahr einfach nicht so viele Wale zu geben.

Ich vermute, dass Frachtschiffe, die diese Region passieren, eine Rolle bei der Veränderung der Bewegungsmuster der Narwale spielen. Narwale sind sehr lärmsensibel. Dieses Jahr hat die Eisenminengesellschaft von Mary River zum ersten Mal Schiffe nach Milne Inlet geschickt – und wie es der Zufall will, haben wir dieses Jahr einen starken Rückgang der Narwal-Population festgestellt. Wir versuchen an unseren Lagerplätzen nicht so viel herumzulaufen, weil die Geräusche, die unsere Schritte verursachen, die Narwale verscheuchen können. Narwale mit dem Boot zu jagen ist sogar noch schwieriger, weil der Motorlärm bewirkt, dass sie schneller schwimmen und länger unter Wasser bleiben. Wenn unser winziges, 5-Meter-langes Aluminiumboot schon die Wale beeinflusst, kann man sich vorstellen, dass riesige und laute Frachtschiffe sie erst recht verscheuchen.

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„Ich vermute, dass Frachtschiffe, die diese Region passieren, eine Rolle bei der Veränderung der Bewegungsmuster der Narwale spielen”

Als ich noch jünger war, besuchte ich immer meine Großeltern draußen auf dem Land und verbrachte Zeit mit ihnen. Als sie verstarben, hatte ich niemanden mehr, der mich mit aufs Land nahm, also habe ich jede Gelegenheit genutzt, die sich mir anbot. Ich wollte diese Tradition auf keinen Fall aufgeben. Ich hatte Glück, dass mich mein Onkel James Arvaluk mitnahm. Ich habe von ihm sehr viel gelernt und wahnsinnig viele Erfahrungen gesammelt.

Ich fühle mich lebendig, wenn ich draußen auf dem Land bin. Es gibt nichts, über das ich mir Gedanken machen müsste. Wir jagen, um etwas zu essen zu haben und dann geht es uns gut. Wenn ich eine Weile nicht beim Zelten oder Jagen war, fühle ich mich orientierungslos und bin leicht reizbar. Wenn ich draußen auf dem Land bin, bin ich ganz ich selbst. Ich bin dort draußen stolz darauf, eine Inuk zu sein und ich will, dass mein Sohn auch hier draußen aufwächst, so wie James und ich. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt genug über meine Kultur, Traditionen und Bräuche wie das Jagen, das Fischen, die Navigation, das Reisen von Ort zu Ort und die Kommunikation weiß, um guten Gewissens älter werden zu können. Wir hatten zwar keine Schlitten, die von Schlittenhunden gezogen wurden und keine Boote aus Robbenhaut – wir hatten Schneemobile und gekaufte Boote – aber trotz dem Einzug wirtschaftlicher Betätigungen und trotz der zahlreichen Veränderungen, haben wir sehr viele Traditionen verinnerlicht.
 

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Narwal-Forschung in der kanadischen Arktis

Von Dr. Sandie Black, Wildtierärztin aus Calgary. Im Sommer 2013 verbrachte Black eine Woche in einem Jagdcamp der Inuit am Milne Inlet, Nunavut. Als Mitglied des Narwhal Tusk Discoveries Expedition Teams untersuchte sie in enger Zusammenarbeit mit Jägern und Wissenschaftlern Gesundheit und Zustand dieser faszinierenden Lebewesen.

2004 war eines der glücklichsten und schicksalhaftesten Jahre meiner Laufbahn als Wildtierärztin: Ich erhielt die Chance, im Auftrag des kanadischen Department of Fisheries and Oceans Narwalforschung in Sommercamps zu betreiben. Diese Camps befinden sich an verschiedenen Orten in der östlichen Arktis Kanadas, in denen sich Narwale in der eisfreien Jahreszeit, meist im August, versammeln. Ich war zwar bestens mit Camping und Aktivitäten in der Wildnis vertraut, aber dennoch unglaublich aufgeregt, als es dann soweit war und mich das Flugzeug für zwei Wochen an einem Strand auf Baffin Island absetzte!

Es galt viel zu lernen – vom Planen der Eisbärbeobachtung bis zum Auslegen der Netze und dem Umgang mit Narwalen. Diese sanften drei bis vier Meter langen Wale mit ihrer wunderschönen grau-weiß gefleckten Haut hatten im Nu mein Herz erobert. Wir fingen in jenem Sommer acht Wale lebend und besenderten sie. Währenddessen sammelte ich Proben und Daten als Grundlage für eine generelle Gesundheitsbewertung der einzelnen beobachteten Wale und zur Einschätzung des akuten Stresses, dem sie während der Gefangenschaft ausgesetzt waren. All unsere Bemühungen sind stets darauf gerichtet, den Stress der untersuchten Tiere auf ein Minimum zu senken.

Anhand der Untersuchung des Stresshormonspiegels von Narwalspeck, stressbedingter Proteine und der Bakterienflora der Narwalhaut über einen bestimmten Zeitraum hinweg sollten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, inwiefern sich Klimawandel und menschliche Aktivitäten im Narwalhabitat in verstärktem Stress und schlechterem Gesundheitsindex der Tiere niederschlagen. Mithilfe von Archivproben können wir diese Messungen jährlich bei der Arbeit mit Jägern und dem Narwal rückblickend sowie vorausschauend beurteilen. Im Rahmen der Erarbeitung eines Gesundheitsindex wurden bei vielen Wildtierarten Stresshormone untersucht. Die Forscherin Amy Apprill vom Woods Hole Oceanographic Institute hat nachgewiesen, dass Bakterienansiedlungen auf der Haut ein potenzielles Maß für die Gesundheit von Buckelwalen sind: Diese Art der Bakterien variiert, je nachdem ob der Wal in guter oder schlechter gesundheitlicher Verfassung ist.

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„Die Ökosysteme der Polarregionen sind weniger komplex als die gemäßigter Zonen. Die Widerstandsfähigkeit gegenüber vom Menschen verursachten störenden Einflüssen ist geringer”

Als stark auf Eis angewiesener Spitzenprädator und wesentliche Nahrungsgrundlage der Inuit liefert der Narwal ideale Hinweise zur Beurteilung von Gesundheit und Belastbarkeit des arktischen Ökosystems. Beobachtungen zufolge scheinen Narwalpopulationen und einzelne Tiere bisher gut mit den Veränderungen ihrer Umwelt fertig zu werden, obgleich Befürchtungen bestehen, dass ein hohes Maß an Spezialisierung auf Leben und Nahrungsaufnahme in den eisigen Gewässern der Arktis ihre Fähigkeit zur Anpassung an eine weitere Erwärmung der Arktis beschränken könnte. Jüngste Forschungen von Cortney Watt, einer Mitarbeiterin der Sommerforschungsteams, legen nahe, dass der Narwal möglicherweise flexibler in seiner Nahrungswahl ist als bisher angenommen. Cortney untersuchte stabile Isotopbestandteile von Hautproben von Narwalen aus verschiedenen Populationen und wies nach, dass Primärnahrungsquellen zwischen diesen Populationen wie auch zwischen den Geschlechtern variieren.

In den Jahren, seit denen ich mich mit diesen Arten beschäftige und viele glückliche Stunden inmitten der beeindruckenden Landschaften unserer Arktis verbringe, hat mein Interesse am Gesundheitszustand der Narwalpopulation ständig zugenommen. Es existiert inzwischen eine Flut wissenschaftlicher Literatur, in der die potenziell negativen Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels auf die Gesundheit arktischer Ökosysteme beschrieben werden. Die Arktis ist die Region in der Welt, in der sich die Folgen des globalen Klimawandels am stärksten und schnellsten zeigen. Die Ökosysteme der Polarzonen sind weniger komplex als die gemäßigter und tropischer Regionen. Vielfalt und Umfang der Arten sind beschränkter, und die Belastbarkeit bzw. Widerstandsfähigkeit der Systeme gegenüber vom Menschen verursachten störenden Einflüssen ist geringer.

„Diese sanften, wunderschönen Wale hatten im Nu mein Herz erobert”

Mit unserer Arbeit möchten wir robuste, nicht-invasive Methoden identifizieren, mit denen die Gesundheit von Narwalpopulationen überwacht und die erforderlichen Schutzmaßnahmen und -räume im Voraus festgelegt werden können. Wir möchten zudem mögliche Zusammenhänge zwischen den beobachteten gesundheitlichen Veränderungen und den gemessenen Veränderungen in der Umwelt ermitteln, beispielsweise verstärkte menschliche Aktivitäten wie Schifffahrt, Fischerei, Abbau von Bodenschätzen, Tourismus, klimabedingte Veränderungen der Eisdicke und des Salzgehalts der Ozeane, Stürme, verstärkte Präsenz von Prädatoren wie Schwertwale und potenzielles Einschleppen von Krankheiten durch Meeressäuger, die mit der zunehmenden Eisschmelze aus ihren angestammten südlichen Gefilden in nördliche Regionen vordringen.

Wir hoffen, mit unserer Arbeit die Auswirkungen des Klimawandels auf eines der typischsten Tiere der Arktis und auf die Menschen und Gemeinschaften an den Küsten des Nordens mindern zu können.

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Unsere Jagdtradition Map it

Von Michael Kusugak, preisgekrönter Autor und Geschichtenerzähler. Er erläutert die Bedeutung des Geschichtenerzählens und der Jagd in der Inuit-Kultur. Beides ist ihm seit seiner Kindheit vertraut, die er in Naujaat (Repulse Bay), Nunavut, verbrachte.

Milne Inlet, Nunavut

Ich erinnere mich, wie uns meine Großmutter Geschichten erzählte:
„Taipsumaniguuq…“, so begann sie stets, „Man sagt, dass vor langer, langer Zeit…“

Das Erzählen von Geschichten und Legenden wie „Lumaajuuq“ hatte verschiedene Gründe. Mich sollte es abends zum Einschlafen bringen, neben meiner Großmutter in unserem Iglu mit der flackernden Lampe, dem Licht und Wärme spendenden Qulliq. Und in unserer Welt, in der man das geschriebene Wort nicht kannte, waren uns Erzählungen auch Unterhaltung, Geschichte, Nachrichten und Unterricht. Sie vermittelten uns Lehren, und wir lernten durch sie miteinander zu leben, uns um die Jüngsten zu kümmern, Benachteiligte zu unterstützen, die Hürden des Alltags zu meistern und nach Besserem zu streben.

Die Geschichte von Lumaajuuq erzählt davon, wie sehr wir auf alle möglichen Tiere der Arktis angewiesen sind. Wir essen Maktaaq, die Haut von Walen. Meist nehmen wir die Haut des Grönlandwals, das Fleisch verfüttern wir an die Hunde. Stoßzähne von Narwal und Walross dienen zur Herstellung von Schnellauslösern für Hundeleinen, unsere Version des Karabinerhakens.

„Wir lieben unsere Ernährungsweise und sind stolz auf unser Erbe. Das geben wir an unsere Kinder weiter”

Aber die wichtigsten Tiere sind Robben für die Inuit. Ihr Fett nahmen wir früher für unsere Qulliqs, die Speckstein-Robbentranlampen, mit denen wir die Iglus beheizen. Aus Robbenknochen entstanden Werkzeuge und Spielzeug. Heute nutzen wir das Fett der Tiere vor allem als Ergänzung unserer Mahlzeiten. Aus Robbenhaut wird Kleidung gefertigt.

Von den vielen Robbenarten sind die beiden wichtigsten die Ringelrobbe, Nattiq, und die Bartrobbe, Ugjuk. Bis heute dient ihre Haut vor allem zur Herstellung von Fußbekleidung. Aus der Haut der Ringelrobbe entsteht das Obermaterial für Schuhe und Leggings. Aus der dicken und robusten Haut der Bartrobbe machen wir meist Sohlen. Robbenstiefel, Kamiik, sind warm und leicht. Arbeits-Kamiik, bei denen das Fell von der Haut abgekratzt wird, sind wasserdicht. Die modisch verzierten Niururiat-Schuhe wurden früher meist zu festlichen Anlässen getragen. Heute sieht man sie überall, obwohl manche von uns lieber die normalen, felllosen Kamiik tragen, da sie praktischer und unempfindlicher sind.

„Die Geschichte von Lumaajuuq erzählt davon, wie sehr wir auf alle möglichen Tiere der Arktis angewiesen sind”

Ehe fossile Brennstoffe den Norden erreichten, wurde Robbentran in unseren Qullig-Lampen verbrannt, der Docht war aus Torfmoos oder arktischem Wollgras. Auch heute verbrenne ich Holz nur sehr ungern. Ich komme aus einem Gebiet ohne Bäume, wo Holz zum Verbrennen zu wertvoll war. Wir benötigten es für Holzgriffe, Schlitten, Kajaks und verschiedene andere Dinge.

Robbenknochen dienten zur Herstellung von Werkzeugen wie Mundstücken für Bogenbohrer. Bartrobbenknochen wurden für Inuujat-Spielzeug verwendet. Bei diesem Spiel stellte jeder Knochen etwas Bestimmtes dar, zum Beispiel einen Schneeblock für den Iglubau oder Schlittenteile, Hunde usw. Sinn des Spiels war es, eine arbeitende Familie mit all ihren Bedürfnissen darzustellen. Aus anderen Knochen wurden Ajagaqs gefertigt, ein dem Bilboquet ähnliches Spielzeug.

„Robbenfleisch schmeckt nicht nur köstlich, sondern dient unserem Körper auch als Brennstoff, wärmt ihn”

Am wichtigsten aber ist die Robbe für uns als Nahrungsquelle. Robbenfleisch schmeckt nicht nur köstlich, sondern dient unserem Körper auch als Brennstoff, wärmt ihn. Ältere Inuit essen kein Robbenfleisch, wenn sie im Süden sind, da ihnen davon zu heiß wird. An kalten Tagen aber ist eine Robbenbrühe das beste Getränk, um sich aufzuwärmen. Wir leben seit Tausenden von Jahren im kältesten Gebiet der Erde. Wir haben gelernt, in Harmonie mit wilden Tieren zu leben. Sie sind unsere Existenzgrundlage. Stets bereiten wir uns auf magere Zeiten vor. Und am besten gelingt uns das, wenn wir dafür sorgen, dass immer genügend Wild vorhanden ist.

Wir lieben unsere Ernährungsweise und sind stolz auf unser Erbe. Das geben wir an unsere Kinder weiter. Ich kann mit Freude sagen, dass meine Söhne gute Jäger sind und das Essen mögen, mit dem auch wir groß geworden sind. Unsere jungen Leute lernen wie eh und je die Kunst, Tierhäute zu verarbeiten und daraus traditionelle Bekleidung zu nähen. In einer Welt des ewigen Schnees, in der Temperaturen von -500 C nicht ungewöhnlich sind, bilden all diese Tiere seit Jahrtausenden unsere Lebensgrundlage, und Robben werden wir auch künftig brauchen, um überleben zu können.

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Pilot Fred und der dreibeinige Hund Map it

Von David New, Regisseur der zehnteiligen Fernsehserie Polar Sea 360.° Bei seinem Besuch in Pond Inlet verbringt David die meiste Zeit damit, sein Wissen über Esskultur, Tiere und Hobbys in dieser Region zu erweitern und es zu dokumentieren; doch er hätte nie gedacht, dass er auf Grund seiner verrückten kulturellen Gewohnheiten auch noch zum lokalen Unterhaltungsprogramm beitragen würde!

Bylot-Insel, Nunavut

Unser Helikopterpilot Fred, der uns zur Bylot-Insel bringt, ist schon 40 Jahre im Dienst. Er wurde 1973 ausgebildet und fliegt seitdem über die Arktis. Ich glaube, unsere kleine Exkursion über den zugefrorenen Sund ist für ihn wie ein Picknick. Bevor er kam, um uns über den Sund zu fliegen, war er gerade zurück von einer Rettungsaktion. 31 Menschen gerieten in Seenot, als ein riesiges Stück Eis vom Rand einer Eisscholle abbrach und mit ihnen an Bord davontrieb.

Fred hat einen dreibeinigen Hund namens Mukluk, der ihn überall hin begleitet, sogar beim Fliegen. Mukluk hat eine kleine Decke auf dem Boden vor dem Co-Pilotensitz. Nicht, dass wir einen hätten, stattdessen sitze ich vorne, während John, mein Kameramann, den ganzen Platz auf der Rückbank einnimmt, weil er mit einem Haltegurt angeschnallt ist und mit seinem festgeschnallten Stativ aus der geöffneten Tür heraus Fotos macht. Ihm ist kalt dort hinten. Vorne bei mir ist es angenehmer, vor allem mit einem warmen Hund auf dem Schoß.

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Kaum sind wir nach einem ziemlich langen Tag wieder zurückgekehrt, bekommt Fred schon wieder einen Anruf. Ein paar Jäger, die er letzte Woche gerettet hatte, haben sich wieder aufs gebrochene Eis gewagt, um ihre Ski-Doos (Schneemobile) und andere Sachen zu holen, und jetzt müssen sie ein zweites Mal gerettet werden.

Am nächsten Morgen dachte ich, Fred macht bestimmt ein paar spitze Kommentare über Idioten, die sich zweimal hintereinander auf die gleiche Weise in Lebensgefahr bringen, aber er sagt nichts dergleichen. Er sagt, sie tun ihm leid, weil diese Menschen fast nichts haben. Diese Ski-Doos sind sehr wichtig für ihr Leben hier und sie werden sie nur sehr schwer wieder ersetzen können. Als Fred bei ihnen ankam, waren sie bereits seit einer Woche auf dem Eis und fast verhungert. Fred sieht das nicht als törichtes Verhalten, sondern er fühlt mit ihnen mit. Fred ist nett wie ein fliegender Dalai Lama.

Wir bitten um seine private Nummer. Falls wir mal was Dummes anstellen und uns in Gefahr bringen und gerettet werden müssen, dann will ich von Fred gerettet werden.

Und von Mukluk, denn er ist auch unvoreingenommen.

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Die Jagd auf Eisbären Map it

Von Stephen Atkinson, Biologieforscher und Tierarzt. Atkinson leitet derzeit ein Programm mit einer DNA-basierten Rückfangmethode von Eisbären in Baffin Bay, das die Daten für eine Bestandsaufnahme der Eisbärenpopulation in Baffin Bay in Nunavut liefert.

Baffin Island Coast, Nunavut

Ich wollte mich eigentlich nicht auf Bären spezialisieren. Meine Leidenschaft ist die Biologie, aber wie viele, die mit Eisbären arbeiten, lassen sie einen nicht mehr los, sobald man angefangen hat, sie zu studieren – denn es gibt so viel, was wir über diese bemerkenswerte Spezies nicht wissen.

Hier in Baffin Bay führen wir eine Bestandsaufnahme durch. Unsere Hauptaufgabe ist, Größe und Befinden der gesamten Population zu bestimmen, genauer gesagt: wie viele Bären es gibt, wie gut sie sich vermehren und wie gut ihnen das Überleben gelingt. Das Studiengebiet dieses Projekts erstreckt sich von der Ostküste der Baffininsel bis Grönland, im Süden bis zur Davisstraße und im Norden bis zum Portal der Nordwestpassage, dem Lancastersund. Das Forschungsprojekt wird im Auftrag der Regierung von Nunavut und Grönland durchgeführt, die in gewissem Sinne eine Mitverantwortung für den Erhalt und Schutz der Eisbärenpopulation tragen.

„Im Moment scheint es, dass die Anzahl der Eisbären größer ist als jemals zuvor”

Doch dieses Projekt ist auf gewisse Weise einzigartig. Bei Studien mit Eisbären werden die Tiere normalerweise betäubt und eingefangen, damit wir unsere Daten sammeln können. Jedem Tier werden Ohrenmarken und Lippen-Tattoos verpasst, anhand derer wir sie identifizieren können, wenn wir sie erneut einfangen. Das gesamte Projekt wurde diesmal jedoch ohne das Einfangen eines Eisbären bewerkstelligt. Zur Identifizierung der Bären benutzten wir stattdessen DNA-Analysen. Im Wesentlichen fungiert die DNA als einmalige genetische Markierung, sozusagen als “Fingerabdruck”, der die Ohrenmarken aus Plastik ersetzt, die wir normalerweise benutzen.

DNA von einem Eisbären zu erhalten ohne ihn einzufangen, ist nicht so schwer, wie es sich anhört. Zuerst nähern wir uns dem Bären mit einem Hubschrauber. Aus guter Entfernung schießen wir mit einem Gewehr einen Biopsie-Pfeil auf den Bären ab. Wenn dieser Pfeil auf den Bären trifft, entfernt er ein kleines Stück Haut (mit einem Durchmesser von circa 4mm) und fällt dann zu Boden. Danach kann der Bär problemlos weitergehen. Möglicherweise ist er leicht benommen, jedoch völlig unbeschadet. Wir sammeln dann die Hautprobe ein. Die DNA liefert uns alle wesentlichen Daten: Geschlecht und Identität des Bären. Die Biopsie-Probe gibt uns weiterhin Informationen über die gesundheitliche Verfassung, das Alter sowie Anzahl und Alter der Jungen.

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In den letzten drei Jahren haben wir genetische Fingerabdrücke von über tausend Bären innerhalb dieser Population gesammelt. Wenn wir die Anzahl der Bären, von denen uns ein genetischer Fingerabdruck vorliegt, damit vergleichen, wie oft wir jedem einzelnen Tier begegnet sind, können wir zum Beispiel errechnen, wie viele Bären in der gesamten Region leben. Diese Methode die Größe der Population zu schätzen – die so genannte “Rückfangmethode” – wird auf der ganzen Welt benutzt, um Tierpopulationen zu überwachen.

Als Biologen sind wir sehr um das Wohlbefinden der Tiere bemüht, die wir studieren, und wir versuchen immer den Stress für das Tier so gering wie möglich zu halten. Jeder Kontakt eines Eisbären, egal ob wir über das Tier hinwegfliegen oder es betäuben, wird den Stress des Tieres vergrößern. Durch die Verwendung der Pfeile können wir den Kontakt zu dem Tier minimieren und damit auch den Stressgrad verkleinern, dem das Tier ausgesetzt ist.

In den letzten Jahrzehnten wurde der Eisbär zum Symbol der Klimaproblematik. Dadurch hat sich die Nachfrage nach Informationen zu dieser Spezies stark erhöht, vor allem, da die Auswirkungen des Klimawandels auf Eisbärpopulationen nicht gerade einfach nachzuweisen sind. Diese Situation trug zu einem allgemeinen Anstieg der Überwachungsmaßnahmen der Tiere im Kanada bei, dem Land, das das weltweit größte Vorkommen von Eisbären hat.

„In den letzten Jahrzehnten wurde der Eisbär zum Symbol der Klimaproblematik”

Eine der Vorhersagen für den Klimawandel ist, dass es in manchen Regionen der Arktis immer weniger mehrjähriges Eis und immer mehr einjähriges Eis geben wird. Manche glauben, dass der Anstieg des einjährigen Eises anfangs für Seerobben- und Eisbärpopulationen vorteilhaft ist und daher in den Regionen mit einjährigem Eis die Populationen der Robben und Eisbären wachsen werden. Um dies zu verstehen, sollte man sich in einen Eisbären versetzen: Der Eisbär jagt nach Robben, indem er die Eisoberfläche durchbricht und sich aus den darunterliegenden Höhlen die Robben holt. Je dünner das Meereis ist, umso leichter kann ein Eisbär es durchbrechen. Robben und Eisbären mögen im Allgemeinen kein mehrjähriges Eis, weil es normalerweise sehr dick ist. Bären können es nicht durchbrechen und Robben stehen keine Luftlöcher zum Atmen und keine Höhlen zur Aufzucht der Jungen unter dem Eis zur Verfügung.

Wenn das Meereis weiterhin abnimmt, gibt es natürlich mehr offenes Wasser. Man kann sich vorstellen, dass es ein Tier, das auf dem Eis läuft und jagt, schwerer haben wird Futter zu finden und in einer Umgebung ohne Eis zu überleben. Dies wird eine Abnahme der Eisbärpopulationen oder eine Abnahme ihrer Verbreitung, vielleicht sogar von beidem, zur Folge haben. In anderen Worten: Eisbären gehen dorthin, wo das Eis ist, und dort, wo kein Eis ist, wird es weniger Eisbären geben.
 


 

„Manche glaube, dass der Anstieg des einjährigen Eises anfangs für Eisbärpopulationen vorteilhaft ist”

Es ist wichtig, zu verstehen, welche Auswirkungen Veränderungen der Umwelt auf Eisbären haben, um Aussagen über die Zukunft der Spezies treffen zu können. Vorhersagen müssen schließlich überprüft werden, um herauszufinden, ob sie sich bewahrheiten oder nicht. Als Tierforscher und Naturschutzbiologe kann man allerdings nichts beeinflussen, was in 50 oder 100 Jahren passieren wird. Man muss also überwachen und verstehen, was jetzt passiert und dementsprechend reagieren. Und deshalb ist das Biopsie-Projekt von Baffin Bay so wichtig: diese Art der Forschung liefert uns die aktuellen Zahlen und Trends; diese Informationen können wir heranziehen, um jetzt die nötigen Schritte einzuleiten.

 
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Umkehr Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Chronist der Reise auf der DAX durch die Nordwestpassage. Die Crew der DAX segelt zum sonnigen Strand von Cape Hatt in Nunavut, um neue Justierungen am Segelboot vorzunehmen.

10. August - Cape Hatt, Nunavut

Wie üblich versucht Martin auch heute Morgen, Motorprobleme zu lösen. Er schnauft und ist unruhig, und ich merke, dass irgendetwas Schlimmes passiert sein muss. Was nun? Auf unserer Fahrt aus der Bucht (während meiner Wache) schreit Bengt: „Es ist zu flach, nach backbord!“ Krach! Ich stelle den Motor aus, und wir rutschen von der Sandbank. Der Motor ist heißgelaufen. Es stinkt nach verbrannten Abgasen, und unser Kühlsystem funktioniert nicht. Martin verschwindet im Maschinenraum und repariert. Nach einer Weile scheint alles in Ordnung, doch zwei Stunden später passiert dasselbe wieder. Mit heißgelaufenem Motor verlassen wir unseren Ankerplatz in Cape Hatt. Wir schleppen die DAX fünf Stunden lang mit unserem Beiboot. Einen Motor in offenen Gewässern zu reparieren, ist äußerst heikel.

Im Nachhinein stelle ich fest, dass alle Probleme auf der DAX vorwiegend von Martin behoben wurden. Er verfügte über die meisten Kenntnisse, und so sehr Bengt und ich auch versuchten zu helfen, er wollte es alles selbst auf seine Weise erledigen. Ich glaube, es war zu viel für ihn.

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