Polar Sea 360°

Episode 06

Fluch der Zivilisation

Eine bessere Zukunft in Pond Inlet Map it

Von Abbie Ootova Angnestisak, eine ambitionierte 21-jährige Mutter und Inuk-Artistin, die in Polar Sea 360° porträtiert wird. Abbie spricht über ihre eigenen Träume und Ziele für die Zukunft und erklärt dabei auch einige der Probleme, mit denen junge Inuit zu kämpfen haben. Dazu gehört auch ihre eigene schmerzhafte Erfahrung mit dem Thema Selbstmord in ihrer Gemeinde Pond Inlet.

Pond Inlet, Nunavut

Ich bin Abbie. Ich bin in Iqaluit geboren, habe aber mein ganzes Leben in Pond Inlet verbracht. Während meiner Kindheit zog meine Familie jeden Frühling, Sommer und Herbst aufs Land, um zu fischen, Gänseeier zu sammeln und Gänse, Robben und andere arktische Tiere zu jagen. Während der Sommermonate in den Lagern gehen die Männer zum Jagen und die Frauen nähen normalerweise Kleidungsstücke oder sammeln Blaubeeren und Qijuktaa (eine Pflanze, die wir zum Kochen verwenden).

„Nunavut hat die höchste Selbstmordrate Kanadas, aber es gibt keine Hilfe”


Ich bin Kehlsängerin. Meine Schwester Lorna brachte mir das Singen bei, als ich zehn Jahre alt war. Ich liebe den Kehlgesang, weil er zu meiner Kultur gehört und Teil meiner Arbeit ist. Jeden Sommer singe ich für Nicht-Inuit, wenn die Kreuzfahrtschiffe ankommen. Wir zeigen ihnen, wie wir hier in unserer Gemeinde leben.

Unsere Gemeinde ist respektvoll, bildschön und freundlich, aber die jungen Leute in Pond Inlet haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Viele werden von anderen schikaniert. Viele Jugendliche kämpfen mit Drogen, Alkohol, Schnüffelsucht, Selbstmord und anderen schlimmen Dingen; Dinge, die dazu führen, dass viele die Schule verlassen.

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„Ich denke, Teenager begehen Selbstmord, weil sie niemanden haben, mit dem sie reden können”

Tatsache ist, dass mehr junge Menschen als je zuvor in Nunavut durch Selbstmord umkommen. Mehrmals jedes Jahr, im Winter, Sommer, Frühling oder Herbst bringt sich jemand um. Sieben meiner Klassenkameraden haben versucht sich das Leben zu nehmen. Für mich ist das schwer mitanzusehen. Ich kenne diese Leute seit dem Kindergarten. Sie sind mit ernsten Problemen konfrontiert. Wenn Teenager traurig oder wütend sind, scheinen ihre Probleme so unüberwindbar zu sein, dass sie den einzigen Ausweg im Selbstmord sehen. Es scheint, als gäbe es keine unmittelbare Lösung für die schwere Zeit.

Ich kann nicht genau sagen, warum jemand Selbstmord begeht, aber ich weiß, es gibt nicht nur einen Grund. Es gibt viele. Wir leben in einer kleinen Gemeinde und das, was die Wut und den Wahnsinn verursacht, scheint sich dort festgesetzt zu haben. Wenn sich jemand über etwas ärgert, scheint das niemals ein Ende zu finden, bis sich die Person umbringt. Aus eigener Erfahrung vom Leben in einer kleinen Gemeinde kann ich sagen, dass es keinen Ausweg aus der Wut gibt. Es gibt keine Ablenkungen, kein Entkommen.

Ich denke, Teenager begehen Selbstmord, weil sie niemanden haben, mit dem sie reden können. Viele haben traumatische Erfahrungen durchgemacht und wurden geschlagen oder misshandelt und sie tragen den emotionalen Schmerz alleine mit sich herum. In ihren Köpfen geht viel vor und wenn sie nicht darüber reden oder eine Therapie besuchen, werden sie sich schließlich selbst zerstören.

Vor sieben Jahren hat meine beste Freundin und Nichte neben unserem Haus Selbstmord begangen. Mein Vater hat sie gefunden und ich war die Erste, die erfuhr, dass sie draußen lag. Meinen Vater so zu sehen, war schlimm, sein Ausdruck in seinem Gesicht… Es war schlimm für mich. Ich kann diese Wut und diesen Wahnsinn, den ich gefühlt habe nicht besser erklären. Ich hätte mehr machen sollen. Ich hätte sie mehr zum Reden ermutigen sollen. Es tauchen viele Fragen in deinem Kopf auf, wenn man so etwas miterlebt.

„Es verursacht viel Schmerz, wenn man mitbekommt, wie sich Teenager umbringen. Wir sollten das nicht mehr miterleben müssen”

Nach dieser Erfahrung konnte ich mit niemandem reden, nicht mal mit meiner Familie. Ich wollte keinen weiteren Schmerz verursachen. Ich wollte auch niemandem helfen, weil ich nur an meine Nichte denken konnte. Die Schuld stand groß im Raum. Wenn einer seiner Liebsten Selbstmord begeht, fühlt man sich – wie ich jetzt aus eigener Erfahrung weiß – danach sehr sensibel und labil und man und man denkt selbst mehr und mehr an Selbstmord.

Es verursacht viel Schmerz, wenn man mitbekommt, wie sich Teenager umbringen. Wir sollten das nicht mehr miterleben müssen. Unsere Gemeinde sollte daran arbeiten, Selbstmord zu eliminieren. Selbstmord betrifft jeden aus dem Umfeld des Opfers, vor allem, wenn andere Jugendliche ebenfalls mit dem Gedanken spielen. In den Nachrichten kann man sehen, dass Nunavut die höchste Selbstmordrate Kanadas hat, aber es gibt keine Hilfe. Wenn Pond Inlet mehr Einrichtungen für Jugendliche wie Therapiezentren oder Jugendzentren hätte, würde sich die Situation vielleicht verbessern, nicht nur hier, sondern in ganz Nunavut. Ich würde gern dabei helfen.

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„Mein Herz füllt sich wieder mit Freude und ich kann endlich anfangen zu reden”

Und wir Jugendliche müssen stärker sein. Schwere Zeiten gehen vorüber. Wenn man jung ist und mit Selbstmord zu kämpfen hat, muss man aufwachen und etwas unternehmen. Man darf nicht immer an das Negative denken. Man sollte öfter das tun, was man gerne macht. Ein Hobby hilft vielleicht dabei, sich den Problemen zu stellen. Ich trete gern auf und stehe gern auf einer Bühne. Das hilft mir.

Als ich zehn Jahre alt war, fing ich an, an Theater-Workshops teilzunehmen, und mit 16 reiste ich durch Kanada als Hauptdarstellerin in dem Stück Night, eine intensive Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen, mit denen die kanadischen Inuit zu kämpfen haben. Das Schauspielen ist meine Leidenschaft; es ist Ausdruck meiner Persönlichkeit. Wenn ich auf der Bühne stehe, kribbelt es in mir, weil ich stolz auf mich bin und mich stark fühle. Es macht mich froh, wenn ich Anerkennung für mein Talent bekomme und ich schätze mich sehr glücklich, wenn ich für ein Stück ausgewählt werde. Mein Herz füllt sich wieder mit Freude und ich kann endlich anfangen zu reden. Ich bin glücklich, dass ich hier bin.

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Suizid in Nunavut und Seine Ursachen Map it

Dieser Artikel erklärt den historischen Kontext, der der momentanen hohen Selbstmordrate im nördlichsten kanadischen Territorium Nunavut zugrunde liegt. Dabei werden Auszüge aus der Nunavut Suicide Prevention Strategy von 2010 verwendet, die von der Regierung von Nunavut, von Nunavut Tunngavik Inc., der Embrace Life Council und der Royal Canadian Mounted Police V Division erstellt wurde.

Nunavut, Canada

Selbstmord betrifft das Leben aller Menschen in Nunavut. Der erhebliche Verlust von Menschenleben vor allem unter jugendlichen Inuit ist in diesem Territorium nur allzu bekannt. Nur wenige Völker haben dieses Ausmaß an Suizidopfern unter ihrer Bevölkerung erlebt wie die Inuit in den letzten 40 Jahren. Kaum ein Gebiet hat so viele Traumata in Bezug auf Selbstmord zu beklagen wie das von Nunavut. Die Menschen Nunavuts wurden so häufig mit dem Thema Selbstmord konfrontiert, dass die Situation zum Normalzustand wurde und sie heute einfach hingenommen wird. Trotzdem ist es sehr schwer, öffentlich darüber zu sprechen, weder privat, familiär, in der Gemeinde, noch auf politischer Ebene.

„In den letzten Jahrzehnten starben in Nunavut hunderte Inuit durch Selbstmord”

Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten die Inuit eine sehr niedrige Selbstmordrate. Es kam wie in jeder anderen Gesellschaft zwar vor, aber es geschah selten und es waren kaum junge Menschen unter den Opfern. Doch in den letzten Jahrzehnten starben in Nunavut hunderte Inuit durch Selbstmord, was die Selbstmordrate des Territoriums weit über Kanadas Durchschnitt anhob. Junge männliche Inuit sind die größte Gruppe unter den Opfern, aber nicht die einzige Gruppe, die gefährdet ist. Zwar ist die Selbstmordrate bei Frauen in Nunavut niedriger als bei Männern, aber sie ist trotzdem noch weitaus höher als im restlichen Teil Kanadas.

Sowohl Experten, als auch Laien sehen im historischen Trauma, unter dem die Inuit leiden, die Ursprünge der gegenwärtig so hohen Selbstmordrate in Nunavut. Fast alle kommen zu dem Schluss, dass die überhöhte Selbstmordrate bei den Inuit mit dem schnellen Gesellschaftsumbruch zu tun hat, der hier in Nunavut stattgefunden hat; und die meisten Präventionsvorschläge drehen sich darum, wie man diesen Veränderungen entgegen wirken kann.

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„Die erhöhte Selbstmordrate in Nunavut hängt mit den schnellen und radikalen Veränderungen der Gesellschaft zusammen, die sich dort zugetragen haben”

Der Kontakt, den die Inuit mit Walfängern, Missionaren und Fellhändlern hatten, war unterschiedlich intensiv, aber was die meisten Inuit als den Auslöser für die wirklich traumatischen Auswirkungen auf ihre Gesellschaft empfanden, war die Politik der kanadischen Regierung, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg dazu zwang, ihre temporären, je nach Jahreszeit genutzten Lager aufzugeben und in neu gegründete Gemeinden zu ziehen. In diesen Gemeinden wurden ihnen die Werte des Südens Kanadas auferlegt: Lohnarbeit und Schulpflicht wurden eingeführt, das traditionelle Rechtsystem der Inuit wurde durch das kanadische ersetzt, minderwertige, an das Klima nicht angepasste Häuser wurden errichtet. Die Verwaltung der Gemeinde wurde von Nicht-Inuit übernommen, die genau kontrollierten, was in den Gemeinden vorging. Inuit assoziieren diese Übergangszeit mit einem grundlegenden Verlust an Eigenständigkeit.

Diese tiefgreifende Zerrüttung der Inuit-Gesellschaft auf allen Ebenen hatte dramatische Auswirkungen. Die erste sowie alle nachfolgenden Generationen, die in diesen Gemeinden aufwuchsen, verkörpern eine fundamentale Verschiebung in der Inuit-Gesellschaft, weg vom traditionellen Lebensstil und hin zu einer Mischung von Inuit und südlichen Werten. Seitdem haben alle Generationen, die in diesen Gemeinden aufwuchsen, damit zu kämpfen, in zwei verschiedenen Kulturen aufzuwachsen: ein Drahtseilakt.

Die neuen physischen und sozialen Umgebungen der Gemeinden hatten auf vielfache Weise Auswirkungen auf die Gesundheit der Inuit, aber die rasante Verbreitung von Infektionskrankheiten und Atemwegserkrankungen, vor allem Tuberkulose, waren besonders folgenschwer. In den Inuit-Gemeinden brach eine regelrechte Tuberkulose-Epidemie aus. In den 1950er und 1960er Jahren wurden Inuit häufig per Schiff in den Süden Kanadas zur Behandlung geschickt. Viele unter ihnen sind damals im Süden Kanadas gestorben oder sie haben wichtige soziale Kontakte zu Familien und Gemeinden verloren, die nur schwer wieder aufgebaut werden konnten.
 

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„Die wirklich traumatischen Auswirkungen auf die Inuit Gesellschaft waren die Politik der kanadischen Regierung, die sie dazu zwang, ihre temporären Lager aufzugeben und in neu gegründete Gemeinden zu ziehen.”

Die Umsiedlungsphase fiel in die gleiche Zeit, als auch ein Schulsystem mit Internaten eingeführt wurde und verursachte tiefgreifende Traumata bei den Kindern der Inuit und ihren Familien. In den Schulen verlernten die Kinder ihre eigene Sprache. Manchen wurde es sogar unter Androhung von Strafen verboten sie zu benutzen, obwohl es die einzige Sprache war, die sie kannten. Als die Schüler im lernfähigsten Alter waren, wurde ihnen der regelmäßige Kontakt zu ihren Familien verweigert. Dadurch konnten sie bestimmte Fähigkeiten nicht erlernen, die für das soziale Leben der Inuit lebenswichtig sind. Viele Kinder wurden in den Schulen auch sexuell, emotional oder körperlich missbraucht.

Eltern, ältere Geschwister und Verwandte wurden durch das angewandte Schulsystem ebenso traumatisiert. Als die Kinder wieder von den Internaten in ihre Gemeinden zurückkehrten, hatten sie sich komplett verändert. Wegen der Traumata und des Missbrauchs hatten viele von ihnen die Fähigkeit verloren, anderen Menschen zu vertrauen. Da die Schüler im Internat eingebläut bekamen, dass alles, was mit der Lebensweise der Inuit zu tun hatte, schlecht war, wollten sie das Wissen, das ihnen ihre Eltern und Großeltern versuchten zu vermitteln nicht annehmen. Folglich konnte sich diese Generation auch kein Wissensfundament aufbauen, um an ihre Kinder die sozialen Fähigkeiten weiterzugeben, die sie zum Leben in den Inuit-Gemeinden brauchen.

„Die Anerkennung eines geschichtlichen Traumas…stellt einen unerlässlichen ersten Schritt beim Durchbrechen des Kreislaufs in Nunavut dar.”

Das Trauma, das die ersten Inuit während der Übergangsphase der Umsiedlung erlebten, hatte auch enorme Auswirkungen auf alle nachfolgenden Generationen. Viele Inuit, die negative Erfahrungen gemacht hatten, erholten sich nie wieder davon. Dieses unverarbeitete Trauma beeinflusste auch ihre Fähigkeit auf eine gesunde Art und Weise mit Stress umzugehen. Auffälliges Verhalten, oft gefolgt von Alkoholmissbrauch, sexuellem, körperlichen und emotionalem Missbrauch, der Vernachlässigung ihrer Kinder und Gewaltverbrechen waren häufige Symptome. Ein wichtiger Punkt ist, dass die erhöhten Selbstmordraten in der ersten Generation der jugendlichen Inuit auftraten, die in den Gemeinden aufwuchsen. Da kein angemessener Heilungsprozess stattfand, wurde ein Kreislauf von Traumata geschaffen, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Man nennt dies auch die “Übertragung eines geschichtlichen Traumas zwischen den Generationen”.

Die Feststellung, dass geschichtliche Traumata von einer Generation an die nächste weitergegeben werden können, ist keine Entschuldigung für diejenigen, die anderen Schaden zufügen. Des Weiteren lässt die Untersuchung der Wurzeln des geschichtlichen Traumas in Nunavut auch keine definiten Schuldzuweisungen zu, was die aktuelle Selbstmordrate angeht. Die Anerkennung eines geschichtlichen Traumas und der Tatsache, dass es von Generation zu Generation weitergegeben wird, stellt eher einen unerlässlichen ersten Schritt beim Durchbrechen des Kreislaufs in Nunavut dar. Es wird die Entwicklung einer optimalen Betreuung Vorschub leisten und letztlich zu einem besseren Verständnis führen, wie man dem Suizid in Nunavut vorbeugen kann.

Nunavut Suicide Prevention Strategy und der gesamte Aktionsplan – zur Vollansicht bitte hier klicken: http://inuusiq.com/nunavut-suicide-strategy-2/

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Golfen in der Arktis Map it

Von Manfred Becker, deutsch-kanadischer Filmemacher und Cutter. In seinen Arbeiten erkundet er oft persönliche Geschichten und menschliche Traumata in Verbindung mit aktuellen oder historischen Ereignissen. Er spricht hier über seine persönlichen Erfahrungen als Regisseur der Episoden der Polar Sea 360° - Fernsehserie, die in Gjoa Haven und Cambridge Bay gedreht wurde.

26. August - Gjoa Haven, Nunavut

Gjoa Haven, im nördlichsten kanadischen Territorium Nunavut, an einem späten Sommerabend. Der Nordwind ist stark und es hat Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Trotzdem: Joseph Kaniak und seine Söhne sind draußen und spielen Golf. Sie putten, wann immer sie die Gelegenheit dazu haben, denn der erste Schnee könnte ihre Saison jeden Moment beenden. Die Saison dauert, wenn das Wetter mitspielt, kaum zwei Monate. An diesem Abend spielen sie alle neun Loch. Es gibt keinen Flecken Gras, nur eine Mischung aus grobem Sand mit ein paar abgedeckten Stellen. Der Golfplatz ähnelt eher einer Kiesgrube und die Hindernisse bietet die Natur eh schon. Mr. Kaniak trägt jede Menge Golfbälle, während er über das Feld läuft – sie scheinen in dieser Landschaft schnell zu verschwinden.

Die Familie Kaniak sieht sich im Fernsehen begeistert Golf an. Tiger Woods ist ihr Held und insgeheim wünschen sie sich, dass die PGA-Tour irgendwann einmal nach Gjoa Haven käme. In Anbetracht der klimatischen Veränderungen ist dieser Wunsch gar nicht so weit hergeholt. Die Temperaturen sind angestiegen, die Golfsaison wird von Jahr zu Jahr etwas länger. In nicht allzu ferner Zukunft wird es hier vielleicht lange genug warm bleiben, um Gras auszusähen. In Yellowknife, kaum 800 Kilometer südlich von hier, gibt es bereits gut gepflegtes Grün.

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„Ich habe keine Zeit, über die Zukunft der Menschheit zu spekulieren. Ich habe genug Sorgen jetzt in meinem eigenen Leben” – Bewohner von Gjoa Haven

Ich kann mir denken, dass Golfen in der Arktis nicht unbedingt dem entspricht, was sich die Europäer gemeinläufig unter dem Norden vorstellen, dem mythischen Ort mit Eisbergen, Eisbären und Kehlsängerinnen. Aber wie bei allen Idealvorstellungen wird man da von der Realität schnell eingeholt. Bei den meisten Menschen aus südlicheren Gefilden löst der Gedanke an die globale Erwärmung starke Reaktionen hervor, von vorsichtig in Worte gefassten Beurteilungen wissenschaftlicher Daten (“Es ist viel zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können…”) bis zu den Verheißungen des Jüngsten Gerichts von Umweltorganisationen (“Manhattan wird bald unter Wasser stehen…”).

Für die meisten Leute, mit denen ich in Gjoa Haven sprach, waren die unmittelbaren Auswirkungen des Klimawandels… nun ja, eher positiv. Die Sommer sind länger. Sie können ihre Familien zum Jagen mit aufs Land nehmen und sich selbst versorgen. Sie sind nicht nur darauf angewiesen, was der lokale Supermarkt verkauft, wo Fleisch für eine ganze Familie schnell zu einer 500-Dollar-Investition werden kann. Außerdem haben die Leute auch Veränderungen der Flora und Fauna beobachtet. Wegen der höheren Temperaturen gibt es jetzt mehr Fische und die Vegetation ist üppiger. Die meisten sehen diese Veränderungen als den normalen Ablauf der Dinge – das Leben ändert sich ständig und daran ist nichts überraschend.

Einige der Einheimischen haben mir ganz offen gesagt: “Ich habe keine Zeit, über die Zukunft der Menschheit zu spekulieren. Ich muss mich jetzt um mein Leben kümmern.” Gut, das Eis trägt die Schneemobile im Winter vielleicht nicht mehr so gut, und es wurden mehr Eisbären gesichtet, die sich auf ihrer Futtersuche näher an die Siedlungen heranwagen, aber man muss auch die Vorteile sehen: eine eisfreie Nordwestpassage verheißt ökonomische Weiterentwicklung und die könnte die Armut im Norden verringern, die momentan mit der in der Dritten Welt vergleichbar ist.

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Amundsen in Gjoa Haven Map it

Von Stephen Bown, dem Autor von The Last Viking, the Life of Roald Amundsen.

Gjoa Haven, Nunavut

Am 9. September 1903 entdeckte Amundsen eine ruhige, geschützte Bucht zum Überwintern, die sie vor den mächtigen Eismassen auf dem offenen Meer und den bitterkalten Polarwinden abschirmen würde. In dieser Bucht, die Amundsen Gjoahavn nannte, gab es sogar Quellen mit frischem Wasser. Später sollte dort einmal der kanadische Ort Gjoa Haven entstehen. Amundsen legte mit seinem Schiff schließlich dort an und ließ es von den Eismassen einfrieren. Es sollte für beinahe zwei Jahre dort bleiben.

„Amundsens Offenheit gegenüber anderen Menschen und neuen Ideen trug zu seinem großen Erfolg in der Arktis und Antarktis bei”

Amundsen und seine Crew hatten auf neue Gesellschaft gehofft. Sie wollten in Gjoahavn nicht völlig isoliert sein. Als sie fünf Fremde auf einem Hügel bemerkten, die mit dicken Karibu-Fellen bekleidet waren und ihre Bögen umgehängt hatten, gingen die drei Männer mutig mit großen Schritten auf sie zu – “bewaffnet bis auf die Zähne”. Die Fremden waren indigener Herkunft und als sie sahen, dass die Norweger unbewaffnet waren (Schusswaffen erkannten sie nicht als Waffen), näherten sie sich ihnen. Sie lächelten und unterhielten sich laut und unbekümmert. Die Begeisterung und Freude beruhte auf Gegenseitigkeit; die Zusammenkunft war ein großer Erfolg und der Beginn einer engen langjährigen Partnerschaft.

Als sich die Nachricht über die freundschaftliche Begegnung in der ganzen Region verbreitete, kamen Inuits immer wieder zu einer Stippvisite nach Gjoahavn. Helmer Hanssen berichtete, dass der Lernprozess auf beiden Seiten langsam voranging: “Wenn wir Eskimo sprachen, dachten sie, wir sprechen Norwegisch und wenn sie Norwegisch sprachen, klang es für uns wie Eskimo, aber wir haben uns ziemlich gut verstanden und haben lange Unterhaltungen geführt.”

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Was Amundsen bei seiner Durchkreuzung der Nordwestpassage und bei späteren Expeditionen am meisten zu Gute kam, war das Wissen und die Technologie der Bewohner dieser Region, denn er wusste, beides würde er bei diesen Klimaverhältnissen brauchen. Amundsens Offenheit gegenüber anderen Menschen und neuen Ideen trug letztendlich zu seinem großen Erfolg in der Arktis und Antarktis bei. Er akzeptierte ihre Kultur so wie sie war, ohne die Menschen oder ihre Lebensart romantisch zu verklären. Er sah sie als kulturell gleichwertig an. “Es wird oft gesagt, dass Eskimos träge sind”, berichtete er, “dass sie arbeitsscheu sind und noch weitere schlechten Eigenschaften besitzen. Aber das stimmt nicht.” Während des ersten Winters haben alle Crew-Mitglieder ihre Kleidung gegen Anzüge aus feinster Karibu-Haut eingetauscht. “Das Thermostat zeigte -55 Grad Celsius an (-63 Grad Fahrenheit)… Nach meiner Erfahrung ist die Eskimo-Kleidung in dieser Region im Winter viel wirksamer als unsere europäische Kleidung.”

„Mein aufrichtigster Wunsch für meine Freunde der Netschjilli-Eskimos ist, dass unsere Zivilisation sie niemals erreichen möge”

Amundsen verbrachte Wochen damit, von den Natsilik-Inuit zu lernen. Er heuerte einen ihrer “Elders” (Familien oder Gemeindeälteste) an, um den Norwegern beizubringen, wie man Schneehäuser baut. Daraufhin wurde die Gjoahavn-Bucht mit dutzenden von Schneehäusern übersät. Amundsen berichtete, dass “Old Teraiu, der nicht verstehen konnte, wozu wir die ganzen Hütten bauten, nachdenklich den Kopf schüttelte… und rief: ‘Iglu amichjui – amichjui – amichjui!’, was so viel bedeutet wie: ‘Das sind furchtbar viele Häuser.’ Aber auch hier erreichten wir unser Ziel: wir wurden gute Schneehausbauer.”

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Während eines Ausflugs, blieben die Schlitten im Schnee stecken und Amundsen und zwei seiner Begleiter ersetzten die erschöpften Tiere und zogen einen der Schlitten selbst. “Nachdem wir uns von morgens bis abends abgerackert hatten, schafften wir es lediglich, dreieinhalb Meilen zurückzulegen. Wir mussten einen Weg finden, das zu verbessern.” Er lernte wie man Schlittenkufen zur besseren Gleitfähigkeit richtig mit Eis beschichtet und er beschäftigte sich mit dem Halten und Trainieren von Schlittenhunden, um sie auf Einsätze in arktischen Gebieten vorzubereiten.

Während der zwei Jahre, die Amundsen in der Nordwestpassage verbrachte, perfektionierte er seine arktischen Überlebenstechniken. Als er einige Jahre später zu seinem berühmten Südpolwettlauf aufbrach, kombinierte er dabei norwegische Techniken mit denen der Inuit. In seinem Buch Die Nordwestpassage schrieb Amundsen über die Bräuche der Inuit und über ihre Material-Kultur. Außerdem erzählte er Geschichten seiner eigenen Interaktionen mit ihnen. “Die Eskimos leben völlig abgesondert von jeglicher Zivilisation und sind zweifelsohne die glücklichsten, gesündesten, rechtschaffensten und zufriedensten Menschen… Mein aufrichtigster Wunsch für meine Freunde der Netschjilli-Eskimos ist, dass unsere Zivilisation sie niemals erreichen möge.”

Am 13. August 1905, als das Eis im Meer hinreichend geschmolzen war und die wissenschaftlichen Messungen abgeschlossen waren, hinterließen die norwegischen Besucher der Gjöa ihren Gastgebern großzügige Geschenke und fuhren nach Westen ins Ungewisse. “Sie haben uns lange gewinkt – es war wahrscheinlich ein Abschied fürs Leben”, berichtete Amundsen.

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Alles Steht Still für den Premierminister Map it

Von Manfred Becker, deutsch-kanadischer Filmemacher und Cutter. Während der Dreharbeiten der in Gjoa Haven aufgenommenen Segmente von The Polar Sea, filmte Manfred die dortigen Feierlichkeiten zum ersten Besuch des kanadischen Premierministers in dieser Gemeinde.

August 26 - Gjoa Haven, Nunavut

Unsere Crew wird in einem Gästehaus in dem kleinen Dorf Gjoa Haven in Nunavut einquartiert. Dusche und Toilette sind mit vier männlichen Crewmitgliedern ständig in Betrieb. Auf einmal hört die Toilette auf zu spülen, im schlimmsten Moment. Ich mache mich auf den Weg zum Besitzer, um ihn zu benachrichtigen. Charlie, ein Neufundländer, scheint nicht überrascht zu sein: „Ja, willkommen in Gjoa Haven!“ Charlie erklärt mir, dass jeder in dem kleinen Dorf sein Trinkwasser aus einem Tanklastwagen bezieht und dass das Abwasser ebenfalls in einen Tanklastwagen abgepumpt wird. Wenn der Abwassertank voll ist, schließt sich automatisch der Trinkwassertank, damit das Abwasser nicht überläuft. Die Leute rufen dann bei der Gemeinde an, damit sie einen Tanklastwagen schicken, der das Abwasser abpumpt und das Wasser wieder fließt. Doch aus verschiedenen Gründen geschieht das häufig nicht. Charlie erklärt: „Einmal habe ich ein Haus für Automechaniker gemietet, die hier zu Besuch waren. Sie hatten acht Tage kein Wasser. Aber sie haben trotz des ganzen Drecks und der Schmiere weitergearbeitet.“ Er zeigt mir einen Mietvertrag. Da steht ausdrücklich geschrieben, dass der Vermieter die Versorgung mit Wasser nicht garantiert, da sie außerhalb seines Einflussbereichs liegt. „Die Leute haben sich daran gewöhnt. Es kommt vor.” Genauso wie Stromausfälle oder gestörte WLAN- und Mobiltelefon-Signale.

Doch heute macht sich Charlie Sorgen. Der Premierminister kommt in die Stadt und nach einer ganzen Nacht draußen auf dem Land, muss er sich frisch machen können, bevor er einen Vortrag besucht, der von der lokalen Gemeinde organisiert wurde: „Wir haben für zehn Uhr morgens eine Dusche in einem anderen Gästehaus für Harper organisiert. Man stelle sich vor, das Wasser geht mitten beim Duschen aus!“

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„Als Harper endlich das Schulauditorium betritt, begrüßen ihn die Leute aus Gjoa Haven wie einen Rockstar”

Die Menschen sind ein bisschen aufgeregt, denn es ist der erste Besuch eines kanadischen Premierministers. Alle verfügbaren Boote und Geländewagen wurden von Regierungsbeamten in Ottawa gemietet und die Hotellobby wurde in ein Operationszentrum umfunktioniert – keiner hat Zutritt. Hercules-Flugzeuge – diese riesigen grauen Militärmaschinen – landen stündlich auf der schmalen Landebahn, um noch mehr Begleiter von Harper abzusetzen, sowie Verpflegung und Ausrüstung. Ein kanadisches Schiff der Küstenwache legt mit einem Hubschrauber an Bord in der Bucht an. Der Zirkus hat begonnen. Es ist erstaunlich, was man erreichen kann, wenn man sich richtig reinhängt!

Wenn ich Leute von hier nach dem Besuch des großen Mannes frage, zuckt jeder nur mit den Schultern. Wenn die Menschen aus Gjoa Haven Bedenken wegen des übertriebenen Aufwands und der Ausgaben öffentlicher Gelder für den Besuch des Premierministers hätten, würden sie sie nicht offen aussprechen. Als Harper endlich das Schulauditorium betritt, begrüßen ihn die Leute aus Gjoa Haven wie einen Rockstar. „Wir freuen uns über den ersten Besuch eines Premierministers auf unserem Land, weil wir wissen, dass er uns versteht!“ sagt einer lächelnd.

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Ihr Supportsystem in der Arktis Map it

Von Jean-Pierre Lehnert, Marine-Offizier der Kommunikations- und Verkehrsdienste (Marine Communication and Traffic Services – MCTS) der Kanadischen Küstenwache in Iqaluit, Nunavut.

Iqaluit, Nunavut

Die Kanadische Küstenwache hat 22 Zentren in Kanada. Als MCTS-Offizier helfe ich dabei, den Verkehr auf arktischen Gewässern – insbesondere den Verkehr in der Nordwestpassage – zu koordinieren. Die Aufgaben sind von Zentrum zu Zentrum unterschiedlich, aber im Allgemeinen umfassen sie die fortwährende Überwachung aller Marinefrequenzen, wie z.B. den UKW-Sprechfunk, die Beantwortung von Notrufen und die Ermittlung des Schiffsbedarfs an den Küsten. Das Gebiet in Iqaluit, für das wir verantwortlich sind, ist mit Abstand das größte des Landes. Es erstreckt sich von der Grenze Grönlands bis zur Grenze Alaskas, im Süden bis zur Hudson Bay und im Norden bis zum Nordpol. Auch der fast 1500 km lange Mackenzie River fällt in unseren Zuständigkeitsbereich.

„Durch die Veränderungen bei den Eisverhältnissen hat sich die Hauptsaison, was vor allem dazu führt, dass mehr Schiffe die Passage durchqueren wollen”

Wir koordinieren den gesamten Verkehr in arktischen Gewässern. In den Sommermonaten zur Hochsaison umfasst das manchmal bis zu 75 Schiffe auf einmal. Am Ende der Saison haben wir dann bis zu 350 Schiffsfahrten koordiniert; manche Schiffe machen auch mehrere Fahrten pro Saison. Durch die Veränderungen bei den Eisverhältnissen in der Arktis hat sich die Hauptsaison, während der die Gewässer mit Schiffen befahrbar sind, für uns verlängert, was vor allem dazu führt, dass mehr Schiffe die Passage durchqueren wollen. Die ersten Schiffe kommen nun schon zu früheren Zeitpunkten der Saison und die letzten Schiffe reisen später ab als es normalerweise bei uns üblich ist. Den größten Unterschied, den ich beobachtet habe, seitdem ich im Norden arbeite, ist, die Anzahl der Amateure, die die Nordwestpassage durchfahren wollen. Es sind viele Privatboote dabei, aber auch Expeditionen mit Kajaks und Jet-skis. Vor 20 oder 30 Jahren war das Eis so dicht, dass man kaum durchkam. Vor acht Jahren gab es drei oder vier Amateursegler, die die Nordwestpassage durchfuhren. 2013 waren es schon an die 30.

Die Küstenwache von Iqaluit überprüft gemäß des Kanadischen Schifffahrtsgesetzes (Canada Shipping Act), des Umweltschutzgesetzes (Environmental Protection Act), sowie der Zonenbestimmungen der ostkanadischen Schiffsverkehrsdienste (Eastern Canada Vessel Traffic Services Zone Regulations) die Einhaltung Kanadas Transportvorschriften aller Schiffe, die die Gewässer der kanadischen Arktis befahren. Alle Schiffe sind verpflichtet, uns Kopien verschiedener Dokumente auszuhändigen, bevor die Kanadische Küstenwache und das Ministerium für Verkehrswesen (Transport Canada) die Freigabe zur Weiterfahrt durch kanadische Gewässer erteilen.

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„Vor 15 Jahren haben wir noch mit Morsecodes mit den Schiffen kommuniziert”

Diese Bestimmungen gelten nicht für Schiffe mit einem Gesamtgewicht unter 300 Tonnen. Das heißt, alle Privatboote, die die Nordwestpassage befahren, müssen keine Meldung erstatten. Manche von ihnen tun dies aus Sicherheitsgründen aber trotzdem – sie wollen, dass wir wissen, wo sie sich befinden und was sie tun. Andere wiederum nehmen nur Kontakt zu uns auf, wenn sie unsere Hilfe brauchen. Wir verfügen über ein Erfassungssystem per Satellit, mit dem wir alle Schiffe sehen können. Damit wir sie erfassen können und sie auf unserem Radar sehen, müssen die Schiffe jedoch ihre Transponder eingeschaltet haben.

Auch wenn wir ihre Positionen haben, heißt das nicht, dass an Bord alles in Ordnung ist. Daher bleiben wir in Kontakt mit ihnen. Die Kommunikation in arktischen Gewässern hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Vor 15 Jahren haben wir noch mit Morsecodes mit den Schiffen kommuniziert. Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal per Telefon mit Schiffen kommunizieren, die durch die Nordwestpassage fahren. Heute ist das Routine. Zudem überwachen wir auch noch die Notfrequenzen und zwar 24 Stunden pro Tag. Es kommt nicht sehr oft vor, aber Mayday-Signale kommen bei uns an.

Vor ein paar Jahren blieb ein Segelboot in der Nähe der Franklinstraße während eines heftigen Sturmes im Eis stecken. Als sie uns um Rat baten, sagten sie uns, dass sie ein Baby an Bord haben. Sie hatten große Angst. Man muss sich vorstellen, man sitzt im Eis fest und hat Angst, dass man sein Boot verliert und dass man vielleicht mitten im Nirgendwo von Bord gehen muss. Sie hatten Panik, aber wir wussten, dass sich die Windrichtung über Nacht ändern würde und das Schiff vom Eis befreien würde. In der Zwischenzeit steckte das Boot bei fürchterlichem Wetter im Eis fest. Die Wetterverhältnisse waren zu gefährlich, um ein Rettungsflugzeug hinzuschicken, sogar wenn es nötig gewesen wäre. Sie haben die Nacht auf dem Eis verbracht und warteten darauf, dass sich die Eisverhältnisse ändern. Als sich die Lage schließlich besserte, war die Crew dankbar, dass wir mit ihnen in Kontakt blieben. Szenen wie diese spielen sich hier ein paar Mal jede Saison ab.

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„Der größte Unterschied ist die Anzahl der Amateure, die die Nordwestpassage durchfahren wollen”

In Zusammenarbeit mit dem Regionalen Operationszentrum der Kanadischen Küstenwache (Canadian Coast Guard’s Regional Operations Centre), das seinen Sitz in Montreal hat, setzen wir auch Eisbrecher ein, die in manchen Fällen den Schiffen helfen können. Ich kann mir die Erleichterung vorstellen, die man fühlt, wenn man das große rote Schiff kommen sieht. Ich glaube, die Leute haben eine ziemlich gute Meinung von uns und unserer Arbeit, die wir in der Arktis leisten.

Seitdem ich zum ersten Mal 1967 an Bord eines Eisbrechers nach Iqaluit kam, bin ich bei der Küstenwache. Damals gab es noch viele entlegene Stationen, auf denen ich gearbeitet habe, bevor neue Technologien sie überflüssig machten. 2007 sollte eigentlich mein letztes Jahr sein, aber ich wollte nochmal für eine letzte Dienstzeit zur Arktis zurück. Es ist einfach ein wahnsinnig interessanter Ort und man ist bei allem, was mit der Seefahrt zu tun hat, involviert. Es ist sehr schwer, das aufzugeben. Jedes Jahr denke ich, das ist mein letztes, aber ich bin immer noch hier!

Das Beste an meinem Beruf ist, dass man anderen Menschen helfen kann. Das ist hier in der Arktis besonders wichtig, denn das Gebiet ist riesig, man ist abgeschieden und die Leute verfügen über nur wenige Ressourcen. Ereignet sich ein Unfall, kann es gut sein, dass man 100 Meilen von benötigten Ressourcen entfernt ist und es sehr lange dauert, bis einen Hilfe erreicht. Wir versorgen die Leute in diesen Situationen mit den nötigen Informationen. Wenn ein Schiff im Eis steckenbleibt, versuchen wir zum Beispiel das nächstgelegene Schiff zu erreichen, damit es Hilfe leisten kann. Das Gefühl, anderen Menschen in Not zu helfen, ist das, was mich motiviert, und es ist der Grund dafür, warum ich immer noch arbeite.

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Von Line Cottier, 13-jährige Autorin aus Zürich, die mit ihrer Familie in ihrem Katamaran Libellule um die Welt segelt.

Bellot Strait, Nunavut

Mein Name ist Line Cottier, ich bin dreizehn Jahre alt und ich bin mit meiner Familie durch die Nordwestpassage gesegelt.
Vor diesem arktischen Abenteuer waren wir auf einjähriger Weltumsegelung und haben ein Jahr in Schanghai in China gelebt. Vom Reisen bekomme ich nie genug, weil ich dabei neue, aufregende Dinge mit meiner Familie erlebe. Ich habe so die Möglichkeit, unterschiedliche Aktivitäten auszuprobieren, neue Kulturen und neue Länder kennen zu lernen und neue Landschaften zu entdecken. In meiner Freizeit schreibe ich Geschichten, höre Musik und fotografiere. Mein Traum ist es, später Schriftstellerin oder Journalistin zu werden. Im Sommer 2013 habe ich zusammen mit meiner Familie ein fantastisches Abenteuer erlebt: Mit unserem Katamaran Libellule (Libelle) sind wir von Grönland aus durch die berühmte Nordwestpassage über die kanadische Arktis nach Alaska gesegelt.

„Die Sonne geht erst gegen Mitternacht oder noch später unter, sodass es nie richtig dunkel wurde”

Durch die Arktis zu reisen, war anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Erstens ging die Sonne erst gegen Mitternacht oder noch später unter, sodass es nie richtig dunkel wurde. Zweitens war das Wasser der Arktis eiskalt und nicht zum Schwimmen geeignet, aber mein Vater und meine große Schwester sind trotzdem Tauchen gegangen. Verrückt! Und drittens gab es in der Arktis nur sehr wenig Schnee. Stattdessen haben wir viele grüne, graue und braune baumlose Landschaften gesehen. Das ganz Besondere an der Arktis waren die einmaligen Formen der Eisberge und Packeisschollen, die vielen verschiedenen Tierarten, wie Moschusochsen, Polarfüchse, Robben, Grönlandwale und Walrosse – und die bunten Häuser in den kleinen grönländischen Dörfern.

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„Wir befürchteten, umkehren und alles aufgeben zu müssen”

Der aufregendste Moment der gesamten Reise war die Durchquerung der durch Eis versperrten Bellot Street. Wir und zwei andere Boote mussten im August mehrere Tage in der ziemlich ungeschützten Bucht von Fort Ross auf eine Gelegenheit warten, um durch den Kanal segeln zu können. Während wir warteten, sprachen wir mit der Besatzung der anderen Boote über die neuesten Eiskarten und sangen das Lied von der Nordwestpassage! Es war tröstlich, dass wir nicht als Einzige auf die Durchfahrt warten mussten. Ein paar Mal versuchten wir es, aber starke Strömungen und Treibeis machten eine Durchfahrt zu riskant. Alle an Bord standen unter Stress, weil wir wussten, dass die Gefahr mit jedem Tag Warten nur noch größer wurde. Wir befürchteten, umkehren und alles aufgeben zu müssen, da von Norden her immer mehr Eis herantrieb und die Saison sich ihrem Ende näherte. In der fünften Nacht wurde ich unsanft durch knirschendes Eis wach, das gegen das Boot krachte, und als ich hinaussah, erblickte ich meinen ersten Eisbären auf einer Eisscholle! Er war unheimlich groß, gelblich-weiß und gehört zu meinen liebsten Erinnerungen!

Der Bär war zwar wunderschön. Doch wir waren alle sehr frustriert, denn das Einzige, was uns an der Durchfahrt durch die Bellot Street hinderte, war 100 Meter dickes Packeis. Kurze Zeit darauf sahen wir, wie der kanadische Eisbrecher Henry Larsen den Weg für das russische Kreuzfahrtschiff Akademik Ioffe und das Motorschiff Lady M. frei machte. Wir (die drei Segelboote) versuchten, so rasch wie möglich zu folgen, doch das Eis schloss sich wieder viel zu schnell für uns.

Und dann geschah das Wunder: Der Eisbrecher kam zurück, nur wegen uns! Unser Katamaran Libellule segelte als letzter durch die Fahrrinne, weil er das breiteste Boot war, wir wurden dabei fast vom Eis zermalmt! Die dumpfen Schläge der Eisbrocken gegen die Bootsseiten klangen schrecklich. Ich wage nicht mir vorzustellen was passiert wäre, wenn wir auch nur ein kleines bisschen langsamer geworden wären. Wir waren alle sehr aufgeregt, und als wir es dann endlich geschafft hatten, sprangen wir auf und lachten und jubelten.

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„Ich habe eine Menge über Klimawandel erfahren, weil ich ihn selbst täglich erlebt habe”

Neben diesen spannenden Erlebnissen hatten wir auch viel Freizeit an Bord, die wir mit Backen, Lesen, Musizieren und Kajakfahren verbrachten. Wir halfen bei Bootsarbeiten, spielten Karten, fischten und sammelten köstliche Muscheln für das Essen. Ich habe auch Kurzgeschichten geschrieben und an meinem (deutschen) Fantasy-Buch gearbeitet, das ich bald veröffentlichen will.

Diese Reise hat mich Vieles gelehrt. Ich habe eine Menge über Klimawandel erfahren, weil ich ihn selbst täglich erlebt habe. Es wird jedes Jahr wärmer, und die Gletscher der Arktis sind davon unmittelbar betroffen. Sie schrumpfen immer mehr, und infolgedessen steigen die Meerestemperaturen. Ohne das Eis werden viele der arktischen Tiere nicht überleben können. Das betrübt und ärgert mich! Warum kümmern wir uns nicht mehr um unsere Umwelt? Ich weiß, es ist nicht leicht, eine Lösung zu finden. Aber auch kleine Dinge können etwas bewirken. Zum Beispiel denke ich, dass alle Häuser Solarzellen auf dem Dach haben müssten, Müll komplett wiederverwertet wird und alle Elektroautos fahren sollten. Ich weiß, dass dies nur kleine Anregungen sind, aber wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, kann daraus etwas Großes werden!

Unsere fantastische Reise durch die Arktis hat mich sehr verändert. Ich bin stärker geworden und umweltbewusster, weiß besser Bescheid über die Arktis und bin stolz, dass wir als erster Katamaran die Nordwestpassage erfolgreich durchsegelt haben. Ich hoffe, dass ich auch künftig weiter reisen und noch mehr großartige Abenteuer wie dieses erleben kann!

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