Polar Sea 360°

Episode 07

Am Scheideweg in der Arktis

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Von Tanya Tagaq Gillis, preisgekrönte Kehlgesang-Artistin, geboren und aufgewachsen in Cambridge Bay, in Kanadas nördlichstem Territorium Nunavut. Tanya veröffentlichte zwei von der Kritik hochgelobte Alben mit ihrer Band Sinaa und Auk/Blood. Sie machte auch Ausflüge in die Filmwelt mit den Filmen Diaries of Knut Rasmussen, This Land und dem Musikvideo Tungijuq, das 2009 bei den imagineNATIVE Film & Media Arts Festival Awards in der Kategorie "Best Short Drama" gewann.

Cambridge Bay, Nunavut

Als ich mit dem Kehlsingen anfing, weckte es etwas, das tief in mir schlummerte und es wurde zum Medium, mit dem ich meine Inuit-Kultur zum Ausdruck bringen konnte. Ich entdeckte erst mit Anfang 20 mein Interesse für das Singen, als meine Mutter mir ein paar Kassetten mit Kehlgesang schickte. Von diesem Zeitpunkt an beschäftigte ich mich intensiv damit.

Ehrlich gesagt liegt es mir im Blut. Ich habe das Gefühl, ich kann gar keine andere Musik machen als diese. Die Töne der Musik existieren bereits; ich hole sie aus dem Universum und durch meine Stimme können andere Menschen hören, was eigentlich schon da ist. Dahinter steht kein bestimmtes Konzept, es kam einfach so. Ich möchte Menschen mit meiner Musik etwas vermitteln, was sie nicht erwarten. Obwohl meiner Musik etwas Experimentelles anzuhaften scheint, denke ich, dass ich den Kehlgesang wieder zurückführe zu dem, was er einst war. Die traditionellen Lieder von heute hat sich irgendwann jemand ausgedacht. Ich denke mir heute neue Lieder und neue Töne aus und wer weiß, wie man in 100 oder 200 Jahren über sie denkt? Ich meine, früher sang man direkt in den Mund anderer Leute! Aber durch den Einfluss der westlichen Kultur weiß keiner mehr so genau, was die alten Traditionen eigentlich sind.

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„Die Leute aus dem Süden kamen hierher und auf einmal galten wir als Wilde, unsere Kultur war falsch und schlecht”

Bevor Missionare, das Militär und Abgesandte der kanadischen Regierung zu uns in den Norden kamen, hatten wir unser eigenes Glaubenssystem. Heute schämen sich die Jugendlichen deswegen oft. Es ist, als ob man uns eine moderne Gesellschaft aufgezwängt hätte, damit wir uns nicht mehr wohl in unserer Haut fühlen. Die Leute aus dem Süden kamen hierher und auf einmal galten wir als Wilde, unsere Kultur war falsch und schlecht und wir mussten so werden wie sie. Das Christentum hat uns eigentlich nur ein Gefühl von Scham gebracht und der Kehlgesang wurde nicht mehr praktiziert. Wenn man die Kreativität einer Kultur eindämmt, macht sie keine Fortschritte mehr. Ich will dieses Schamgefühl beseitigen, das ist mir wichtig. Wenn ich in meiner Karriere als Musikerin nur einer Person dabei helfen kann, sich besser zu fühlen, dann habe ich gute Arbeit geleistet. Es reicht schon, wenn es nur einer versteht.

„Ich tue mit meiner Musik mein Bestes, damit die Welt sich wieder auf sich besinnt”

Ich tue mit meiner Musik mein Bestes, damit die Welt sich wieder auf sich besinnt. Ich glaube, dass jeder seine eigenen Klänge und Instinkte in seinem Inneren trägt, aber nicht mehr auf sie hört. Die Menschen sind viel zu sehr damit beschäftigt, nur mit dem Kopf zu denken und hören nicht mehr auf ihre eigenen Gefühle. Es ist schwer, sich wohl zu fühlen, wenn man den ganzen Tag in einem quadratischen Raum arbeitet, den ganzen Abend in einem quadratischen Auto herumfährt und sich in einem quadratischen Zimmer zum Schlafen legt. Die Gesellschaft ist zu diesem quadratischen Raum geworden und sie zwingt uns eine bestimmte Lebensweise auf. Man soll immer auf die gleiche Weise funktionieren und nichts darf dieses Gefüge durcheinander bringen. Das ist völliger Unsinn. Wir müssen uns auch auf emotionale und spirituelle Weise um uns kümmern und das ist die Sichtweise, die ich den Menschen näher bringen will.

Meine Musik hilft mir dabei, alles hinter mir zu lassen – all die schrecklichen Dinge, die wir uns und unserer Umwelt angetan haben. Ich denke sehr viel über das Leben nach, Tag für Tag, aber während meiner Auftritte vergesse ich das vollkommen. Da tauche ich ganz in mein Unterbewusstsein ein, aber nicht unbedingt, um zu vergessen, sondern um das freizulegen, was sich dort befindet. Ich strebe nach einem Zustand vollkommenen Friedens, den man nur selten erreicht, wie zum Beispiel nach einem langen Rennen, nach einem perfekten Essen oder nach der Geburt eines Kindes. Nur dann ist man sich dem Augenblick in seiner Gänze bewusst und man kümmert sich nicht um die Vergangenheit oder Zukunft. So sollten wir fühlen, wenn unsere Wahrnehmung nicht so eingeschränkt wäre. Mit Kunst, Sport oder Singen versuche ich immer wieder diesen Zustand zu erreichen.

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„Es macht mich wütend, wenn sich die Kanadier für so eine multikulturelle Nation halten, denn in Wirklichkeit sind sie immer noch sehr rassistisch”

Ein weiterer Antrieb für meine Musik ist der Ärger über die Auswirkungen der Kolonisation und was sie aus Nunavut gemacht hat. Das Leben ist hart, besonders hier, wo Missbrauch an der Tagesordnung steht. Man hat es schwer. Viele Dinge machen mich wütend, aber erst seitdem ich herumreiste und sah wie andere Menschen leben, brachte mich die sozioökonomische Entwicklung Nunavuts wirklich in Rage. Als ich in Europa war, habe ich zum Beispiel viel mehr Respekt für die “Weißen” entwickelt, weil ich mehr über ihre kulturellen Wurzeln erfuhr. Denn im Grunde haben sie doch in den letzten paar tausend Jahren um jedes Stück Land gekämpft. Europäer waren kriegerisch und als sie in unser Land kamen, waren sie es immer noch.

Es macht mich wütend, wenn sich die Kanadier für so eine multikulturelle Nation halten, denn in Wirklichkeit sind sie immer noch sehr rassistisch. Man muss sich nur die Nachrichten im Internet über die indigene Bevölkerung ansehen. In den Kommentaren liest man haufenweise solche Sachen wie: “Wann kriegen sich diese Leute endlich ein?” oder “Diese Eingeborenen sollten endlich aufhören, um Almosen zu bitten”. Das Problem ist, dass es keinen gut aufgebauten Lehrplan in den staatlichen Schulen gibt, der das Thema der Ureinwohner behandelt. Die Kinder lernen heute nicht mehr in der Schule, dass die Ureinwohner starke und unabhängige Völker waren, die im Einklang mit der Natur lebten, bevor die Kolonialisierung um sich Griff und irgendwelche Verträge geschlossen wurden. Wenn sie dann solche Nachrichten sehen, haben sie überhaupt keinen Kontext dazu. Es ist hart, wenn man Zeuge dieser Entwicklungen wird.

Jedes Mal, wenn ich mit meiner Band in Deutschland unterwegs war, merkte ich, dass die Dinge dort anders sind. Die Menschen schämen sich noch immer wegen des Zweiten Weltkrieges. Und so sollte es in Kanada auch sein. Ich möchte, dass der systematisch betriebene Völkermord an der Urbevölkerung Kanadas mit der gleichen Demut betrachtet wird.

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„Ich möchte die Menschen mit meiner Musik aber nicht bevormunden. Sie können meine Musik nehmen, wie sie wollen”

Im Grunde sind Kanadier gute Menschen und wenn wir eine angemessene Ausbildung genießen würden, wäre das Verständnis auch dementsprechend größer. Daran sollten wir alle arbeiten. Die Ureinwohner, der Rest der Bevölkerung und die Regierung sollten zusammen daran arbeiten, die Dinge zu verbessern.

Trotzdem möchte ich die Menschen mit meiner Musik aber nicht bevormunden. Sie können meine Musik nehmen, wie sie wollen, denn ich benutze ja keine Texte. Ich benutze nur meinen Unmut über die momentane Situation als Gefühl der Motivation für meinen Gesang und ich hoffe, dass die Menschen schlau genug sind, zu verstehen, woher das kommt. Das Letzte, was ich mit meiner Musik will, ist Schuldzuweisungen zu betreiben, darum geht es nicht. Es geht um Liebe und Verständnis füreinander und darum, sich gegenseitig zu helfen und niemanden zu verurteilen. Ich kann dem Rest der kanadischen Bevölkerung nicht die Schuld dafür geben, dass es die Notlage der Ureinwohner nicht versteht, aber ich kann darauf vertrauen, dass sie auf unserer Seite ist, wenn wir das Wissen um unsere Völker korrekt vermitteln. Das ist ziemlich idealistisch, das weiß ich, aber trotzdem hoffe ich darauf.

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Der Aggie Kommt Immer Zuerst Map it

Von Manfred Becker, deutsch-kanadischer Filmemacher und Cutter. In seinen Arbeiten behandelt er oft persönliche Geschichten und menschliche Traumata in Verbindung mit aktuellen oder historischen Ereignissen. Während seines Besuchs in Cambridge Bay beleuchtet er die komplexe Geschichte der DEW Line und die Frage, wie der "weiße Mann" – oder "Aggie", wie er von den Inuit auch genannt wird – dem hohen Norden auch heute noch seine eigenen Werte und Vorstellungen aufzwingt.

Cambridge Bay, Nunavut

Der Leiter des hiesigen DEW Line Standorts heißt Rick Chaulk. Er stammt ursprünglich aus dem Städtchen Bonavista in Neufundland und arbeitet nun schon seit fast 30 Jahren in der Arktis. Rick erzählt mir, dass er einmal beobachtet hat, wie ein Eisbär sich eine Robbe aus dem Meer geangelt hat und behauptet: “Solche Erlebnisse machen die monatelange Dunkelheit im Winter wieder wett.” Ich hake etwas skeptisch nach: “Auch bei minus 50 Grad?” Daraufhin lacht er und erwidert: “Es gibt kein schlechtes Wetter – man muss sich nur richtig anziehen!” Wahrscheinlich kann jemand, der an der Ostküste Neufundlands aufgewachsen ist, wo Sturmwinde regelmäßig mit 80 km/h übers Land fegen, das extreme Wetter in der Arktis auch nicht mehr schrecken.

Rick ist für den DEW Line Standort Cambridge Bay im kanadischen Territorium Nunavut zuständig. Die Anlage erstreckt sich über eine Anhöhe hinter dem Örtchen, und neben einer Reihe von zweckmäßigen grauen Militärbaracken stechen vor allem die drei futuristisch anmutenden Kuppeln ins Auge, in denen hochmoderne Radargeräte untergebracht sind. “Diese Anlage ist Teil der DEW Line, einer ganzen Kette von Radarstationen, die in den 1950er Jahren in Alaska, Kanada und Grönland errichtet wurde. “DEW” steht für “Distant Early Warning”, und dementsprechend sollte die DEW Line als Frühwarnsystem für Objekte dienen, die in den nordamerikanischen Luftraum eindrangen, egal ob von Freund oder Feind,” erklärt mir Rick geduldig. “Die DEW Line ist das größte und ambitionierteste Militärprojekt, das jemals in Friedenszeiten in der Arktis gebaut wurde. Sie brachte das moderne Leben in diese Gegend und war eine der ersten Möglichkeiten für die Inuit hier, Geld zu verdienen – mit nachhaltigen Konsequenzen für ihre traditionelle Lebensweise, die auf Jagd und Fallenstellen basierte.”

Rick sagt auch, dass die dort angestellten Inuit von ihren Vorarbeitern dazu angehalten wurden, ihren Familien nichts über ihre Arbeit bei der DEW Line zu erzählen, und sie daher erst recht überzeugt waren, dass “dort irgendwas vorging”.

Ich wusste, dass die DEW Line von den USA geplant, gebaut und finanziert wurde, obwohl die meisten der 63 Standorte in Kanada waren. Die Tatsache, dass 21 der Standorte schon in den frühen 1960er Jahren stillgelegt wurden, war mir aber neu. Gegen Interkontinentalraketen konnte die DEW Line keinen Schutz bieten und war daher aufgrund des Rüstungswettlaufs und der “Fortschritte” in der Atomwaffentechnik bereits wenige Jahre nach ihrer Errichtung schon überholt. Rick erklärt mir, dass das DEW-Line-Programm 1991 durch das North Warning System ersetzt wurde. Das North Warning System – Ricks eigentlicher Arbeitgeber – wird vom North American Aerospace Defense Command (NORAD), dem Nordamerikanischen Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando, betrieben und ist mit Geräten auf dem neuesten Stand der Technik ausgestattet. Diese hochmodernen Anlagen sind in den ehemaligen Gebäuden der DEW Line untergebracht.

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„Die DEW Line war eine der ersten Möglichkeiten für die Inuit hier, Geld zu verdienen – mit nachhaltigen Konsequenzen für ihre traditionelle Lebensweise”

Das North Warning System ist ein Radarsystem, das zur Überwachung des Luftraums und Verteidigung der Grenzen in der nordamerikanischen Arktis dient. Als ich Rick frage, warum irgendein Land überhaupt Interesse daran haben könnte, in diese Gegend einzufallen, verzieht er keine Miene. “Es tauchen immer mal wieder unbekannte Objekte auf unseren Radarschirmen auf. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind russische Piloten regelmäßig in unseren Luftraum eingedrungen, einfach nur um zu sehen, was passiert – als Mutprobe sozusagen. Es war für sie eine Art Spiel.”

Mir kommen die weißen Kuppeln wie ein surreales Überbleibsel des Kalten Kriegs vor. Die DEW Line brachte den Menschen des hohen Nordens moderne Gesundheitsversorgung, Alkohol und Hollywoodfilme, und sie bezeugt heute noch die Ungleichheit der beiden Kulturen. Die Inuit hier haben mehr mit den indigenen Völkern Sibiriens gemein als mit ihren kanadischen Landsleuten weiter im Süden – also wessen Kalter Krieg war das überhaupt?

Es ist Ende August, und nach vielen, langen hellen Nächten wird es jetzt wieder dunkel, wenn auch erst nach Mitternacht. Die weiße Fläche einer der Kuppeln wird zur Leinwand, auf die wir ein weiteres Zeugnis für die Unterschiede der beiden Kulturen projizieren: Robert Flahertys Film Nanuk, der Eskimo aus dem Jahr 1922, der angeblich den Alltag eines Inuit-Mannes namens Nanuk zeigt.

Dieser “Dokumentarfilm” ist besonders symbolträchtig und bezeichnend für das angespannte Verhältnis zwischen “uns” weiter unten im Süden und den “anderen” hier oben im Norden, und er ist für viele Menschen hier ein rotes Tuch. In einer Szene sieht man, wie Nanuk – oder besser gesagt, Allakariallak, der die Figur des Nanuk verkörpert – fasziniert dem Klang eines Grammofon lauscht und daraufhin eine Schallplatte zwischen die Zähne nimmt und versucht, ein Stück davon abzubeißen. Tanya Tagaq ist eine Künstlerin aus Cambridge Bay, die sich dem Kehlgesang widmet und diese traditionelle Kunstform der Inuit auf moderne Art interpretiert. Als ich mit ihr über die Szene spreche, sagt sie: “Der Film handelt zwar angeblich von den Inuit, aber in Wahrheit verrät er vielmehr, wie uns die Menschen aus dem Süden gesehen haben. Die Szene mit dem Grammofon regt mich immer noch jedes Mal auf. Sie ist so unglaublich herablassend, es ist wirklich unfassbar.” Tanya weiß noch gut, wie sie früher jeden Tag auf dem Weg zur Schule zu den Kuppeln hochgeblickt und sich gefragt hat, was die wohl sollen.

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Dass die DEW Line hier angesiedelt wurde, erklärt sich vor allem aus den geografischen Gegebenheiten: Es ging darum, möglichst nah an den “Roten” zu sein. Die Erklärung für Flahertys verzerrte Sichtweise ist vielleicht nicht ganz so offensichtlich. Auch wenn es für uns heute nicht ganz leicht nachzuvollziehen ist, rührt seine Darstellung des “furchtlosen, liebenswerten, unbekümmerten Eskimos” eigentlich von Bewunderung für Allakariallak und sein Volk her. Flaherty hat auch die Natur der Arktis und die Landschaft des hohen Nordens selbst zum Protagonisten seines Films gemacht – Nanuk kämpft gegen die Natur und ist doch geprägt von der Landschaft, in der er lebt.

„Flaherty’s gestellte Szenen dienen dazu, den Mythos des “edlen Wilden” aufrechtzuerhalten”

Aber wie viele andere angeblich dokumentarische Darstellungen der Realität täuscht auch Nanuk, der Eskimo den Zuschauern einiges vor. Den Mann namens Nanuk hat es in Wahrheit nie gegeben; er ist eine fiktionale Figur, die Flahertys Feder entspringt. Nicht nur das: Flaherty stellt nicht das tägliche Leben der Inuit dar, wie es um 1922 tatsächlich aussah, sondern lässt “Nanuk” den Alltag seiner Großväter nachspielen. In einer Szene stellt Flaherty zum Beispiel eine gefährliche Methode der Walrossjagd nach, die die Inuit damals schon längst zugunsten der Jagd mit Gewehren aufgegeben hatten. In einer anderen schickt er Nanuk auf Robbenjagd und lässt Komparsen an einem Seil ziehen, um den Todeskampf des Tiers in Szene zu setzen und dramatischer erscheinen zu lassen – obwohl die Robbe zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.

Während ich die Szenen mit “Nanuk” und seiner Familie auf der weißen Kuppel flimmern sehe, frage ich mich, warum Flaherty das Leben der Menschen unbedingt mühsamer darstellen wollte, als es damals wirklich war. Aber die Antwort liegt auf der Hand: Seine Inszenierungen dienen dazu, den Mythos des “edlen Wilden” aufrechtzuerhalten, dessen Lebensweise fernab von der modernen Welt und unberührt vom Wandel der Zeit noch genauso ist, wie die seiner Vorfahren. Dieser Mythos eines “aussterbenden” Volks diente Flaherty als Ausgangspunkt für seine Darstellung einer künstlichen Realität – in anderen Worten, für ein Werk der Kunst.

Nanuk, der Eskimo ist Ausdruck unseres Wunschs, das “Ursprüngliche” und “Unverfälschte” traditioneller Kulturen zu bewahren. Aber auch wenn der Film auf dieser Ebene scheitert und die Realität verfälscht, ist er dennoch nicht ganz uninteressant. Im Gegenteil: Er ist ein bemerkenswertes Zeitdokument, dass viel Aufschluss über die Wahrnehmung der Inuit durch die Augen eines weißen Mannes dieser Zeit gibt. Flaherty sagte einmal: “Ich will diese Traditionen dokumentieren, bevor sie für immer verloren gehen.” Nun, die Kultur der Inuit ist zwar nicht “verloren” gegangen, aber sie hat sich gewandelt und verändert – und dazu haben wir Weißen aus südlicheren Gefilden entscheidend beigetragen. Dafür gibt es kaum ein besseres Beispiel als dieses: Generationen, nachdem Nanuk, der Eskimo gedreht wurde, müssen die Inuit von Cambridge Bay aufgrund unserer Angst vor dem Kommunismus noch immer im Schatten der weißen Kuppeln der DEW Line leben und sind gezwungen, sich darauf einzurichten, ob sie wollen oder nicht. In der Projektion unseres Bildes des “edlen Wilden” auf ein Monument des Kalten Krieges, das wir erbaut haben, werden diese zwei ganz unterschiedlichen Geschichten zusammengebracht und das versinnbildlicht, was Anais Nin einmal so treffend gesagt hat: “Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist; wir sehen sie, wie wir sind.”

Anmerkung des Redakteurs:

Aggie bedeutet “weißer Mann” und so nannte Allakariallak, der Mann, der Nanuk “spielte”, den Regisseur Robert Flaherty, als er ihn fragte, ob er und seine Familie sich für Nanuk, der Eskimo im Jahr 1925 filmen ließen.

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Wem gehört die Nordwestpassage?

Frank Griffiths, Professor Emeritus internationaler Politik an der University of Toronto, spricht über das komplizierte Verhältnis zwischen arktischer Souveränität und der Nordwestpassage. Griffiths schreibt und lektoriert seit 1969 über die Arktis und regionale Streitfragen der nördlichen Polarzone.

Was ist die Nordwestpassage?

F: Die kanadische Arktis beginnt grob gesagt an der Baumgrenze und verläuft Richtung Norden. Sie endet in einem Archipel, einer großen Ansammlung von Inseln, das nur ein paar hundert Meilen vom Nordpol entfernt ist. Zwischen diesen Inseln befinden sich Wasserstraßen, die zu bestimmten Zeiten des Jahres befahrbar sind. Die Inseln unterscheiden sich stark und die Eisverhältnisse zwischen ihnen verändern sich ständig. Daher gibt es verschiedene Routen, die um die Inseln führen. Die Nordwestpassage ist diese Ansammlung von Routen, über die man vom Nordatlantik über kanadische Gewässer durch das Archipel zur Beaufortsee und dann zum Nordpazifik gelangt.

F: Warum ist die Nordwestpassage gerade so ein wichtiges Thema?

A: Der Grund, warum so viel über die Nordwestpassage gesprochen wird, ist der Klimawandel. Das Eis im gesamten Raum der Arktis wird immer dünner und das bedeutet, dass sich schnell neue Wege öffnen, die man befahren kann. Dadurch hat man einen leichteren Zugang zu Mineralien und Ressourcen und die Möglichkeit, kürzere Transportwege zwischen Europa und Asien zu nutzen. Während meiner Aufenthalte in der Arktis habe ich die schöne und unberührte Natur der Region zu schätzen gelernt, die die Menschen und die dortige Tierwelt versorgt. Aber ich mache mir auch Sorgen, was in Zukunft daraus werden wird.

F: Wem gehört die Nordwestpassage?

„Wenn unsere Regierung wirklich Kanadas Souveränität über die Nordwestpassage sichern wollte, sollte sie die Landansprüche der Inuit stärken”

A: Aus Kanadas Sicht gehören uns die Gewässer zwischen den kanadischen arktischen Inseln, es gibt da jedoch auch Grauzonen. Eigentlich gehört die gesamte Zone zu Kanada, aber da Kanada nicht alles verwaltet, was über den 100. westlichen Längengrad hinausgeht, ist Kanada rechtlich gesehen nicht der Alleineigentümer.

Was die Souveränität über die Nordwestpassage und seiner Inhaberschaft angeht, kann man sich das am besten folgendermaßen vorstellen: Es ist ähnlich wie bei meinem Haus, das in einem Teil des Hinterhofes über einen Garten verfügt. Eigentlich gehört mir der gesamte Garten, aber, sagen wir, dass im Laufe der Jahre meine Nachbarn einen Teil meines Gartens als Gehweg benutzt haben. Dieser Gehweg ist schon seit Jahren dort und obwohl er durch einen Teil meines Gartens führt, muss ich dessen Benutzung nun gestatten, wenn ihn jemand begehen will. Es ist ein historisches Recht. Der Unterschied zwischen meinem Beispiel und der Nordwestpassage ist, dass es in der Nordwestpassage kein historisches Recht gibt. Denn die Wasserstraßen zwischen dem Atlantik und dem Pazifik werden erst seit Kurzem als Transitwege benutzt und nicht schon seit großen Zeiträumen.

F: Was ist Kanadas Position in Bezug auf die Nordwestpassage?

A: Kanada ist der Ansicht, dass die Gewässer zwischen den kanadischen arktischen Inseln unter der alleinigen Rechtsprechung Kanadas stehen. Das bedeutet, dass nur wir bestimmen können, was damit geschieht. Wir bestimmen über die Ressourcen und den Transitverkehr, der durch die Gewässer führt. Bisher wurde Kanadas Souveränität über die Nordwestpassage – das international anerkannte Recht, die alleinige Rechtsprechung in einem territorial begrenzten Gebiet innezuhaben – nicht in Frage gestellt.

Was allerdings bestritten wird, ist, dass wir auch die alleinige Rechtsprechung darüber innehaben, wer die Nordwestpassage durchfährt. Die Vereinigten Staaten und die meisten anderen Länder argumentieren, dass die Nordwestpassage eine internationale Wasserstraße ist: ein Transitweg, der zwei Ozeane miteinander verbindet. Demnach sollte dessen freie Befahrung jedem gestattet sein. Natürlich erkennt Kanada dieses Recht nicht an; unsere Sichtweise ist, dass es sich dabei vielmehr um “Binnengewässer” handelt, vergleichbar mit dem Winnipeg-See. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, dass Kanada nicht das Recht dazu habe, den Güterverkehr, Unterwasserverkehr oder Handelsverkehr einzuschränken. Ihre Hauptsorge ist, dass wir die Nordwestpassage schließen könnten und damit einen negativen Präzedenzfall schaffen könnten, der auch auf andere internationale Gewässer anwendbar wäre.

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„Im Grunde genommen steht es außer Frage, dass Kanada die Rechts- und Staatshoheit über die Wasserstraßen des arktischen Archipels innehat, daher sollten wir uns nicht so viele Gedanken darüber machen”

F: Wird es Ihrer Meinung nach zu einem Konflikt wegen der unterschiedlichen Standpunkte kommen?

A: Ich denke nicht, dass es wegen dieser Meinungsverschiedenheiten zu einem Konflikt in dieser Region kommen wird, zumindest nicht in unmittelbarer Zukunft. Unser Bestreben, den Schiffsverkehr durch die Passage zu fördern, hält sich in Grenzen. Wenn überhaupt irgendetwas diesbezüglich getan wird, ist es, dass Kanada die Sicherheit verbessert und die Entwicklung kommerzieller “Zielort-“Schiffsrouten fördert (für den Ausbau von Ressourcen). Die Regierung fördert jedoch nicht den Transitverkehr von Schiffen, die die Nordwestpassage durchfahren, um von einem Ozean zum anderen zu gelangen.

Im Grunde genommen steht es außer Frage, dass Kanada die Rechts- und Staatshoheit über die Wasserstraßen des arktischen Archipels innehat, daher sollten wir uns nicht so viele Gedanken darüber machen. Andere Länder haben nur kleine territoriale Ansprüche in der Arktis wie zum Beispiel bei der Trennlinie zwischen der Hans-Insel und der Beaufortsee. In Fällen wie diesen versuchen wir die Meinungsverschiedenheiten beizulegen. Aber es gibt da keine wirkliche Bedrohung. Es gibt Kanadier, die sich – warum auch immer – Sorgen darüber machen, dass die Russen sich dort ansiedeln könnten, um Ölbohrungen durchzuführen, aber das ist Blödsinn. Wenn uns jemand den Anspruch auf diese Gewässer streitig machen wollte, würden wir uns entweder um eine Einigung bemühen oder vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag ziehen.

F: Warum ist es für Kanada so wichtig, die Souveränität über die Arktis zu haben?

A: Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Kanada seine Souveränität über die Nordwestpassage verficht. Erstens wollen wir dazu berechtigt sein, zu kontrollieren, wer die Passage aus ökologischen und sozio-ökonomischen Gründen durchquert, denn die Gebiete um die Wasserstraße sind besiedelt. Es gibt kanadische Bürger, die dort leben, auch wenn es nicht viele sind. Zweitens ist uns unsere nationale Identität wichtig. Wir sind ein Land von Menschen, die auch, wenn sie weiter südlich leben und lieber nach Jamaika ziehen würden als in den Norden, sich trotzdem als “nordisch” und “arktisch” fühlen. Liberale und konservative Regierungen haben ziemlich viel Zeit investiert, um diese nationale Identität herzustellen. Auch Premierminister Stephen Harper brachte explizit zum Ausdruck, dass er sich mit der arktischen Souveränität identifiziere, obwohl die kanadische Regierung völlig ignoriert, dass sie mit einer Maßnahme Kanadas Souveränität wesentlich besser verfechten könnte.

Kanadas Anspruch auf die alleinige Rechtshoheit über die Wasserstraßen der Nordwestpassage geht teilweise auf ein historisches Recht zurück. Diese Gewässer werden bereits seit Jahrtausenden von Inuit bewohnt und benutzt, die heute Kanadier sind. Falls wir uns eines Tages vor Gericht verantworten müssten, würde Kanada sein historisches Recht verteidigen. Aber wenn unsere Regierung wirklich Kanadas Souveränität sichern wollte und seine Hoheitsrechte über die Nordwestpassage nicht in Frage stellen würde, sollte sie die Landansprüche der Inuit stärken.

Die Regierung von Kanada hat den Inuit gegenüber vertraglich festgelegte, rechtsgültige Verpflichtungen, die sie nicht einhält. Kanada hält sich nicht an die Vereinbarungen, die es mit den Inuit im Nunavut Land Claims Agreement getroffen hat. In dieser Vereinbarung wurden alle möglichen Fragen geregelt, die Ausbildung und Förderung der Inuit betreffen und ihnen eine bessere Zukunft sichern sollten. Es gibt sehr vieles, dass, wenn es in südlicheren Regionen Kanadas passieren würde, geradezu skandalös wäre; wenn die Selbstmordrate unter männlichen Teenagern im Süden Kanadas so hoch wäre wie im Norden, würde man etwas unternehmen. Wir sollten die Inuit unterstützen und unsere Versprechungen einhalten, die wir ihnen gegeben haben.

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Inuit-Wege Map it

Von Dr. Claudio Aporta, argentinisch-kanadischer Professor und Mitarbeiter des Marine Affairs-Programms der Dalhousie University in Halifax, Kanada. Aporta ist Co-Autor des Projekts Pan Inuit Trails, ein Versuch der Neu-Kartographierung des nördlichsten kanadischen Territoriums Nunavut. Mithilfe des erstellten Online-Atlas konnten tausende Kilometer historischer Inuit-Routen in Nunavut und hunderte traditioneller Namen von Inuit-Orten dokumentiert werden.

Nunavut, Kanada

Auf einer typischen Karte Kanadas erscheint die Arktis, die 40 Prozent von Kanadas Landmasse ausmacht, als karge und kaum bevölkerte Landmasse. Dagegen ist der Rest Kanadas ausführlich kartographiert und die Infrastruktur, der wir uns zum Reisen bedienen, wird meistens als gegeben vorausgesetzt. Ausgedehnte Netzwerke von Straßen, Landstraßen, Autobahnen, Gehwegen, Fahrradwegen und Wanderwegen sind sichtbar und haben sich sogar dauerhaft in die Landschaft auf allen fünf Kontinenten eingeschrieben. Auf diesen Straßen bewegen wir uns innerhalb bestimmter Regionen, sowie von Region zu Region und transportieren unsere Handelswaren. In vielerlei Hinsicht sind sie ein historischer Beweis unserer Anwesenheit an den Orten, an denen wir wohnen und leben.

Auch in der Arktis haben die Inuit und ihre Ahnen und Vorfahren ihr Land, ihre Küsten und Ozeane über tausende von Jahren benutzt, aber der Unterschied besteht darin: ausgenommen einiger Karten von frühen europäischen Entdeckern oder Händlern dieser Region, haben sich die meisten dieser Wege lediglich in den Köpfen der Menschen eingeprägt. Die kulturelle Geschichte der Arktis wird jedes Mal ignoriert oder in Frage gestellt, wenn sie als menschenleerer, verlassener Ort dargestellt wird, was in aller Regel der landläufigen Vorstellung entspricht, die von den Geschichten über Entdecker, Abenteurer und anderer Reisender sogar noch vertieft wird. Doch in Wirklichkeit hat auch die Arktis eine Geschichte und wenn die Inuit, deren Wahrnehmung und Kultur von dieser Landschaft geprägt sind, sich auf eine Reise begeben, sehen sie überall in ihren Territorien auch historische Spuren, und zwar nicht nur auf dem Land, sondern auch auf dem Meer und sogar auf dem Meereis.

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Als halb-nomadisches Volk und Erbauer erstaunlich effizienter und leichter Technologien wie dem Iglu, dem Kajak und dem Hundeschlitten, haben die Inuit systematisch weite Strecken in der Arktis zurückgelegt und folgten komplizierten Netzwerken von Ruten, die den unseren in anderen Geographien gar nicht so unähnlich sind. Ein bemerkenswerter Unterschied ist jedoch, dass die Infrastruktur der Inuit nicht dauerhaft in die Landschaft eingeschrieben ist, sondern dass Inuit-Ruten von Jahreszeit zu Jahreszeit auftauchen und wieder verschwinden. Schlittenspuren werden sichtbar, wenn Reisende das ganze Jahr über die gleiche Route benutzen. Nach einem Blizzard jedoch verschwinden sie unter dem frischen Schnee, und im Frühling oder Sommer schmelzen sie mit dem Schnee weg. Inuit-Routen sind daher vergängliche Markierungen im Schnee oder auf dem Eis, aber ihr geographischer Verlauf ist ein Bestandteil der Inuit-Kultur und wird seit Generationen exakt weitergegeben. Die weitläufigen Routen der Inuit sind innerhalb ihrer Kultur bekannt und sie verbinden verschiedene Gemeinden im gesamten nordamerikanischen arktischen Archipel miteinander. Sie ermöglichen es den Inuit seit Generationen, zu reichhaltigen Fischgründen und Jagdgründen zu reisen, und erlauben es den Menschen ihre Handelswaren, sowie Ideen und Nachrichten in alle arktischen Regionen zu bringen. Das wiederum hilft Inuit-Gruppen, ihre Orientierung und das Wissen um Orte und Gebiete weiter zu entwickeln.

„Die kulturelle Geschichte der Arktis wird jedes Mal ignoriert wenn sie als öde und menschenleer dargestellt wird”

Die Arktis ist eben nicht dieser menschenleere, unwirsche Ort, zu dem ihn Nicht-Inuit im Laufe der Jahrhunderte durch ihre Beobachtungen und Erfahrungen gemacht haben. Im Gegenteil, informierte Inuit-Reisende finden überall historische Spuren, wenn sie sich mit den Schlitten fortbewegen oder sich an das Land mithilfe ihrer Geschichten erinnern. Diese Netzwerke von Routen in der Arktis sind auf Landkarten oder Satellitenbildern nicht sichtbar, aber sie existieren im Gedächtnis einzelner oder ganzer Gemeinden als Teil eines geographischen Wissens, das mündlich überliefert wird. Wenn ein Reisender einen Weg beschreibt, ist sein Wissen mit der kollektiven Erinnerung einer Gemeinde oder dem Wissen eines Einzelnen über frühere Reisen verschränkt, sowie mit verschiedenen Informationen über die Umgebung und Ortsnamen in ihrer Sprache Inuktitut. Durch den Gebrauch der Ortsnamen werden oftmals die Wege bereits beschrieben, da jede Gemeinde die Namen in ihrer Region genau kennt. Die kanadische Arktis kann verstanden werden als ein Netzwerk von Wegen, die Inuit-Siedlungen und andere bedeutende Orte miteinander verbinden. Außerdem sollten diese Wege selbst als bedeutsame Orte gesehen werden, da sie für ein Verständnis der Inuit-Kultur unablässig sind.

Trotz aller Veränderungen, die die Arktis und die Inuit im letzten Jahrhundert durchlaufen haben, wie zum Beispiel die dauerhafte Niederlassung in Siedlungen, die erfolgreichen Verhandlungen über Landnutzungsrechte und die Gründung eines neuen Territoriums wie Nunavut, dient dieses Netzwerk von Wegen den Inuit noch heute als Leitfaden, um zu Ressourcen zu gelangen, die für sie lebenswichtig sind. Noch heute sind sie die Hauptverkehrswege, die die Inuit-Gemeinden im gesamten nordamerikanischen arktischen Archipel miteinander verbinden.

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Northwest Passage, ein Klassiker der kanadischen Musik

Auch wenn nur wenige ausserhalb Kanadas mit dem Namen Stan Rogers etwas anfangen können, sind seine klassischen Songs fast jedem Kanadier bekannt. Rogers ausdrucksvolle und poetische Kompositionen sind zwischen Seefahrermusik und Country-Musik angesiedelt. Er wuchs in Hamilton in der Provinz Ontario in Kanada auf und wurde zum Vorbild des traditionsreichen, hart arbeitenden kanadischen Mannes. Außerhalb der Folk-Musik-Szene und abgesehen von einigen über Kanada verstreuten Fans, hatten die meisten noch nie von Rogers gehört, als er im Alter von 33 Jahren bei einem Brand in einem Flugzeug auf dem Weg von Texas zu seiner Heimatstadt Dundas in Ontario ums Leben kam.

Northwest Passage war Stan Rogers’ größter Hit. Er gilt als Klassiker der kanadischen Musikgeschichte und wurde 1981 auf dem gleichnamigen Album Northwest Passage veröffentlicht. Ein A-cappella-Chor begleitet Stan, der seine inspirierenden Verse über die Frühgeschichte der Entdecker singt, die versuchten die Route von Kanada zum Pazifik zu finden. Rogers Anerkennung dieser historischen Reisen geht über in Berichte seiner eigenen Reise durch die großartige kanadische Landschaft. An Lagerfeuern und auf Folk-Musik-Festivals in Kanada wird dieses Lied immer noch häufig gesungen.

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Das ungebundene Leben auf der La Belle Epoque

Von Claudia Kirchberger. Claudia und ihr Partner Jürgen Kirchberger ließen 1995 den normalen Alltag hinter sich und brachen auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer in einem Segelboot auf, um die Welt zu entdecken und unter freiem Himmel zu leben.

Wir heißen Claudia und Jürgen Kirchberger. Segeln ist unser Leben – ein Lebensstil, der uns fasziniert und inspiriert. Solange das so bleibt, wollen wir weiterhin neuen Zielen entgegen segeln und unserem Lebensmotto treu bleiben:

Ich will kein langweiliges, auf Sicherheit bedachtes Leben führen, sondern mir meinen eigenen Weg suchen und mich auch mal treiben lassen. Ich will mich nicht immer vorsichtig vorantasten, sondern mich auch mal in etwas hineinstürzen und weniger bekannte Ecken der Welt kennenlernen, auch wenn dort vielleicht Gefahren lauern. Ich will nicht immer festen Boden unter den Füßen, sondern die Tiefe des Meeres und die Weite des Himmels spüren. Ich will nicht ständig vom Gefühl getrieben sein, an einen bestimmten Ort heimkehren zu müssen, sondern mich überall zu Hause fühlen.

Jürgen und ich sind kein typisches „Skipper-und-Bordfrau”-Seglerehepaar. Wir kommen ja beide aus Österreich und lernten uns kennen, als Jürgen vor Jahren ein Café in meinem Heimatort gepachtet hat. Damals hatte weder er noch ich Ahnung vom Segeln, aber wir haben beide davon geträumt, fremde Kulturen kennenzulernen und die Welt zu entdecken.

Jürgen hat schon in ziemlich jungen Jahren seine Lust entdeckt, die Welt zu bereisen und ein ungebundenes Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge zu führen. Sein Vertrauen in sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten, seine praktische Veranlagung und seine Liebe zur Einfachheit tragen maßgeblich dazu bei, dass ihm das freie, selbstbestimmte Leben so gut gelingt. Im Grunde seines Herzens ist er eigentlich ein kleiner Anarchist. Anstatt Normen und Regeln einfach als gegeben hinzunehmen und sich zu fügen, stellt er Autorität grundsätzlich erst mal in Frage – das liegt einfach in seiner Natur. Diese Eigenschaft, sein Humor und seine Fähigkeit, allem eine heitere Seite abzugewinnen, machen sein Wesen aus und ermöglichen es ihm, das Leben mit einer gewissen Leichtigkeit anzugehen und zu genießen.

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„Wir verstehen uns nicht als Aussteiger. Wir möchten alles auskosten, was das Leben zu bieten hat – und gerade darum wollen wir nicht immer an einem Ort bleiben und unsere ganze Zeit damit verbringen, Geld zu verdienen.”

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und verbrachte meine Kindheit auf dem Bauernhof meiner Eltern. Nach dieser relativen Freiheit tat ich mich umso schwerer, als ich später auf eine Internatsschule kam. Der Alltag dort wurde von Gruppenzwang und einem strengen Zeitplan bestimmt, und mir wurde schnell klar, dass so ein Leben nichts für mich ist. Ich wollte nichts wie weg und mehr von der Welt sehen, und mein erstes selbstverdientes Geld hab ich dann auch gleich dazu verwendet, um auf Reisen zu gehen. Ich bin überzeugte Pazifistin und sehr sozial eingestellt. Ich würde sagen, dass diese Werte und die Begeisterung, mehr über fremde Kulturen zu erfahren, meine Persönlichkeit am stärksten prägen. In Jürgen hab ich meine innere Heimat gefunden.

Wir verstehen uns nicht als Aussteiger, die sich vom Leben abgewendet haben. Ganz im Gegenteil: Wir möchten alles auskosten, was das Leben zu bieten hat – und gerade darum wollen wir nicht immer an einem Ort bleiben und unsere ganze Zeit damit verbringen, Geld zu verdienen. Wir gewinnen bei jeder Reise etwas dazu: Wir erleben die Natur, lernen andere Länder und Kulturen kennen – und erfahren jedes Mal auch etwas über uns selbst und unsere Stärken. Das Leben hat wirklich so viel mehr zu bieten…

Wir brauchten ein Zuhause, das wir mit auf Reisen nehmen konnten, das uns an interessante Orte bringen und die Freiheit bieten würde, so lange dort zu bleiben, wie wir wollten – ein Zuhause für die ganze Welt. Mit dem Flieger zu reisen und in Hotels zu übernachten ist auf lange Sicht zu teuer, und entlegene Orte sind so schwer zu erreichen. Auch Camping ist nicht wirklich eine Lösung, weil das Kochen auf Dauer einfach zu umständlich ist. Uns war auch klar, dass wir ein richtiges Zuhause wollten, in dem wir uns daheim fühlen konnten. Eine Zeitlang sind wir in einem Wohnmobil herumgereist, aber das bot uns auch nicht wirklich die Freiheit, die wir uns vorgestellt hatten, weil wir immer von Straßen und Tankstellen abhängig waren.

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„In unserem zweiten Segelboot, La Belle Epoque, haben wir unser Zuhause gefunden.”

In unserem zweiten Segelboot, La Belle Epoque, haben wir dieses Zuhause gefunden. Sie ist eine hochseetüchtige Segeljacht und für alle Reviere geeignet. Eine Familie aus Norddeutschland hat sie in den 1970er Jahren im Eigenbau angefertigt, und sie haben das richtig toll gemacht. Als wir sie 2004 gekauft haben, war sie allerdings in einem ziemlich schlechten Zustand, und wir brauchten fünf Jahre, um sie zu restaurieren. Sie trägt immer noch ihren ursprünglichen Namen. Wir wollten damit einerseits ihren Erbauern eine Ehre erweisen, aber der Name gefiel uns auch. Die Zeitspanne um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die als “Belle Epoque” bezeichnet wird, war eine Blütezeit und Zeit des Wohlstands in der Geschichte Frankreichs. Da unser Boot auch den Beginn einer besonders “reichen” Zeit in unserem Leben einleiten sollte, fanden wir, dass der Name ganz gut passt.

Die Nordwestpassage hat uns klar gemacht, was wir alles schaffen können, wenn wir es nur versuchen. Sie hat uns an unsere Grenzen gebracht, und dadurch sind wir über uns hinaus gewachsen. Den Atlantik in einem Segelboot zu überqueren ist mit so einer kleinen Besatzung kein einfaches Unterfangen. Das war schon eine ziemliche Herausforderung. Jede unserer Reisen hat uns einmalige Erlebnisse beschert, aber diese im Besonderen hat in uns die Lust geweckt, auch die entlegensten Ecken der Welt kennenzulernen.

Unser Rat an alle, die auch aus der bürgerlichen Gesellschaft ausbrechen und ein ähnlich freies Leben führen wollen wie wir: “Träumt nicht nur, sondern macht euren Traum zur Vision und folgt eurer Vision dann konsequent.” Genau das hat mein Vater uns Kindern früher auch immer gesagt. Konkret bedeutet das: Zunächst mal muss man sich darüber klar werden, was man wirklich will. Das ist der erste Schritt. Als zweiten Schritt muss man einen Plan ausarbeiten, wie man dieses Ziel erreichen kann – und als letzten dann schließlich hart arbeiten und alles daransetzen, um das in die Realität umzusetzen. Man sollte aber auch nicht alles bis ins kleinste Detail durchplanen und sich zu sehr auf einen Plan versteifen, gerade am Anfang. Es ist wichtig, Raum für Neues zu lassen und offen zu bleiben. Man kann nur Erfahrungen sammeln, wenn man bereit ist, Neues zu tun und zu lernen. Hört anderen zu, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählen, aber lasst euch nicht einreden, dass ihre Art, die Dinge anzugehen, für euch auch unbedingt das Richtige sein muss. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und in seinem eigenen Tempo vorgehen.

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Bleibende Eindrücke an Bord der Akademik Ioffe Map it

By Richard Tegnér, Swedish architect and father of two daughters. Richard sets sail to traverse the famous Northwest Passage in a 9.5-metre sailboat named ‘DAX’ together with companions Martin and Bengt.

August 24 - Cambridge Bay, Nunavut

Heute ist mein letzter Tag an Bord der „Akademik Ioffe“ und ich bin jetzt schon traurig, dass ich das Schiff verlasse und die netten Menschen, mit denen ich mich hier an Bord angefreundet habe, nicht mehr sehen werde. Als ich diese Touristengruppe in Pond Inlet zum ersten Mal sah – ich wartete damals im Gemeindezentrum auf sie, damit wir uns zusammen eine Vorstellung ansehen – dachte ich, als sie hereinkamen: Was für ein langweiliger Haufen alter Leute! Was könnte ich wohl mit diesen Männern und Frauen gemeinsam haben? Worüber könnten wir wohl reden? Wie alle Touristen ähnelten sie einer anonymen Masse, die in ihrer Polar-Spezialkleidung aus dem Schiff strömte. Sie alle trugen die gleichen roten Windstopper-Jacken. Sie richteten ihre Kameras überallhin. Ich dachte: Das werden anstrengende Tage für mich. Aber meine Vorurteile stellten sich schon sehr bald als vollkommen falsch heraus. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele interessante und angenehme Menschen in so kurzer Zeit kennengelernt.

Ich lernte Rick kennen, ein Arzt im Ruhestand aus der Stadt Barrie in Ontario; und Stephan, ein deutscher Dokumentarist, der seinen Job als Konstrukteur in Stuttgart aufgab, um mit seiner Frau in einem Land Rover durch die Welt zu reisen. Ich lernte die Abenteurer George und Mark kennen, die ein Programm leiten, das Storm Hunters heißt; und den australisch-vietnamesischen Kriegsveteran Ken, der 80 Jahre alt ist und jeden in seinem Alter motivieren will, “nicht einfach mit einer Decke über den Knien herumzusitzen”, sondern die Welt zu sehen, bevor es zu spät ist. Darüber schreibt er momentan sogar schon sein zweites Buch. Ich lernte George kennen. Ich weiß nicht, woher er ist, aber er ist fast 80 und verdreht einem bei jeder Frage, die man hat, die Worte im Mund. Dabei hat er immer ein ulkiges Lächeln im Gesicht. Außerdem lernte ich Sal kennen, ein Bauunternehmer aus New York im Ruhestand, den ich in der Sauna traf, sowie Esther aus Israel, die in der Malerei mit Wasserfarben einen neuen Lebensinhalt entdeckt hat.

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„Wenn ich daran denke, dass ich morgen schon von all dem hier getrennt werde, kriege ich einen Kloß im Hals”

An diesem Abend war die Stimmung in der Bar sehr gut. Gus kümmerte sich um die Drinks und im Salon gab es heute Live-Musik. Jeder kam vorbei. Es gab Jam Sessions: Boris, der Projektleiter der Expedition spielte Kazoo. Jimmy, Mitglied der Schiffscrew und Naturforscher, spielte Banjo. Ich konnte eine Gitarre auftreiben und spielte auch mit. Ich hatte richtig viel Spaß, sowohl nüchtern, als auch angetrunken. Manchmal waren mehr Personen hinter der Bar als davor. Die ganze Zeit tobte draußen ein Sturm mit einer Windgeschwindigkeit von 110 km/h. Er schüttelte uns durch, aber zum Glück leisten die Stabilisatoren des Schiffes gute Arbeit.

Es überrascht mich, wie schwierig es derzeit ist, über meine Erfahrungen an Bord zu schreiben. Diese Tage zählen zu den glücklichsten meines ganzen Lebens. Wenn ich daran denke, dass ich morgen all das nicht mehr haben werde, schießen mir Tränen in die Augen. Der Weg in den Himmel führt durch das Fegefeuer. Vielleicht lande ich jetzt auf festem Boden, wenn unser gemeinsames Abenteuer in Cambridge Bay zu Ende geht.

Wenn ich aus dem Fenster blicke und das dunkle Wasser und den rauen Seegang der Victoriastraße sehe, den die eiskalten Winde hervorrufen, kann ich nicht gerade behaupten, dass ich die wogende See gern nochmal erleben würde. Entlang der Küste Alaskas gibt es nur offene See mit nur wenigen geschützten Gebieten. Und trotzdem: Wir sind immer noch so weit weg von Kodiak oder Nome, den möglichen Zielorten und Endpunkten meiner Reise.

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