Polar Sea 360°

Episode 09

Hunger nach Öl

Die nüchternen Fakten des Klimawandels Map it

Von Matt Martinsen, Stationsleiter am Observatorium Global Monitoring Division (GMD) der National Oceanic & Atmospheric Administration (NOAA) in Barrow, Alaska.

Barrow, Alakska

Ich bin im Dezember 2009 mit meiner Frau Sarah von meinem Heimatort Boulder in Colorado in die Stadt Barrow in Alaska gezogen. Meine Abteilung der NOAA hatte beschlossen in Barrow zu arbeiten, weil Barrow die nördlichste Gemeinde der Vereinigten Staaten ist und wir überwiegend Wind mit frischer Luft kriegen, die direkt aus dem Arktischen Ozean kommt. Unser Tower, auf den der Wind als erstes trifft, saugt die Luft in unsere verschiedenen Instrumente im Inneren, die circa 300 Messungen verschiedener Gase und atmosphärischer Komponenten pro Tag tätigen.

Die Gasmessungen werden anhand einer “Gas-Chromatographie” durchgeführt. Vereinfacht ausgedrückt: wir haben verschiedene Detektoren, die verschiedene Spannungen anzeigen, da sich die Konzentration des Gases, das gemessen wird, ändert. Auf diese Weise können wir mit den Daten, die über die Jahre aufgezeichnet wurden, eine Datenbank erstellen. Wir verwenden ein Kalibriergas – ein Standardgasgemisch – das als Referenz benutzt wird, um sicher zu stellen, dass unsere Messungen exakt sind. Dadurch lassen sich kleine Veränderungen in der Zusammensetzung der Atmosphäre erkennen. Die NOAA sammelt Luftproben aus der ganzen Welt, die wir dann mit unseren Zahlen vergleichen.

“Laut unserer Daten nimmt der Gehalt der meisten Treibhausgase kontinuierlich zu”

Eines der wichtigsten Gase, die wir messen, ist Kohlendioxid (CO2), dessen Gehalt wir hier seit 1972 überprüfen. CO2 ist ein Treibhausgas, das sich wie eine Decke um die Erde legt. Es schließt Hitze ein. Sichtbares Sonnenlicht dringt durch die Atmosphäre und trifft auf die Oberfläche der Erde, wo sich Hitze bildet. Treibhausgase verhindern, dass diese Hitze wieder zurück ins Weltall strahlt, was zu einer Erwärmung führt. CO2 ist wichtig, weil es viel davon gibt und es das Klima auf erhebliche Weise beeinflusst. Hält dieser Effekt über längere Zeit an, erwarten wir, dass sich dadurch die Klimamuster langfristig verändern und zu einer Erwärmung der Erde führen.

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“CO2 ist ein Treibhausgas, das sich wie eine Decke um die Erde legt. Es schließt Hitze ein und so das Klima auf erhebliche Weise beeinflusst.”

Der allgemeine Trend zeigt einen Anstieg des CO2-Gehalts an. Vor ein paar Jahren hat die Konzentration in der Arktis die Marke von 400 Teilen pro Million (ppm) erreicht, was bedeutet, dass die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre extrem hoch war. Tatsache ist, je mehr Treibhausgase es in der Atmosphäre gibt, umso höher ist die Erwärmung.

Barrow war die erste unserer Observatorien, bei der aufgrund von saisonaler Fluktuationen die Marke von 400 ppm erreicht wurde. Eine neue Beobachtung, auf die unsere Wissenschaftler kürzlich gestoßen sind, ist, dass mit der Zeit auch der Umfang dieser Fluktuationen steigt. Das bedeutet, dass die Unterschiede zwischen der höchsten und geringsten CO2-Konzentration allmählich größer werden. Wissenschaftler der NOAA führen dies auf die sich ändernde Vegetation zurück.

CO2chart_800x550_DE 2012 hat das Observatorium in Barrow im Bundesstaat Alaska eine alarmierend hohe Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre gemessen. Auf der ganzen Welt wurde noch nie zuvor ein Wert von 400 ppm erreicht. Dieses Warnsignal veranschaulicht deutlich, wie viel Kohlendioxid seit der Zeit vor der industriellen Revolution in der Atmosphäre freigesetzt wurde.

Quelle: NOAA (National Oceanic & Atmospheric Administration)

 

Methan (CH4) ist ein weiteres wichtiges Treibhausgas, dessen Gehalt wir messen. Es rangiert auf Platz zwei hinter CO2 auf der Skala der Treibhausgase, die das Klima am meisten beeinflussen. Die Arktis beherbergt in der Tundra riesige Depots von Kohlenstoff, der sich dort über die Jahrtausende zusammen mit abgelagerter Vegetation angesammelt hat. Wir befinden uns heute in einem gefährlichen Kreislauf: Während sich das Klima in der Arktis erwärmt, taut der Permafrost der Tundra auf und gibt zusätzlich Methan in die Atmosphäre ab, was wiederum zu einem weiteren Anstieg der Temperaturen führt. Man nennt dies auch einen positiven Rückkopplungseffekt.

“Die Arktis beherbergt in der Tundra riesige Depots von Kohlenstoff, der sich dort über die Jahrtausende zusammen mit abgelagerter Vegetation angesammelt hat”

Der Rückgang von Meereis ist ein weiterer besorgniserregender positiver Rückkopplungseffekt in der Arktis. Die Oberfläche der Meereisdecke verhält sich wie ein Reflektor, der das Sonnenlicht reflektiert und somit die solare Energie (oder Hitze) von der Oberfläche der Erde abwehrt. Dieses Rückstrahlvermögen wird auch als „Albedo“ bezeichnet. Mit dem Rückgang des Meereises wird auch das Rückstrahlvermögen der Arktis weniger, was bedeutet, dass große Mengen solarer Energie nicht mehr ins Weltall zurückgeworfen werden, sondern stattdessen von der Erde absorbiert werden , die sich dann erwärmt. Der Rückgang des Meereises hat auch weitreichende Folgen für die Menschen und Tiere, die in Nordalaska leben. Er ist ein Faktor, mit dem wir uns hier in Barrow das ganze Jahr über beschäftigen.

Wir können am Observatorium von Barrow zwar nicht direkt die Ausdehnung der Meereisdecke messen, aber aufgrund unserer Messungen des „Albedos“ verfügen wir über Daten zur Schmelzrate von Eis. Genauer gesagt haben wir Sensoren, die das Rückstrahlvermögen von Schnee messen und mit denen wir bestimmen können, in welchem Umfang Schnee das Sonnenlicht reflektiert. Anhand dieser Daten können wir objektiv ablesen, wann Schnee schmilzt. Die Daten in Barrow haben gezeigt, dass das Schmelzen des Eises in den letzten Jahren immer früher eingesetzt hat.

Die Ergebnisse unserer Messungen zeigen eine unvorteilhafte Entwicklung an, eine Entwicklung, die wir vorausgesagt haben. Laut unserer Daten nimmt der Gehalt der meisten Treibhausgase kontinuierlich zu. Die Auswirkungen für die Arktis werden enorm sein.

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“Wir brauchen weniger Debatten, die lediglich auf Meinungen beruhen und mehr Gespräche über Fakten und Entwicklungen, die wissenschaftlich fundiert sind”

Natürlich profitiert die Stadt Barrow von der Öl- und Gaserschließung und vom Öl- und Gasgeschäft, aber das wäre ohne den Schwund des Meereises kaum möglich. Die Lebensqualität im Norden ist eng mit der Umwelt verbunden und die ist aufgrund der Veränderungen der Meereisdecke, der Tierwelt und des Wetters stark gefährdet.

Ich arbeite seit vier Jahren für die NOAA und meine Arbeit macht mir großen Spaß. Meine Arbeit gibt mir das Gefühl, etwas für die Verbesserung unserer Welt zu tun und das ist mir wichtig. Ich hoffe, dass wir mit unserer Arbeit einen Beitrag dazu leisten, den Klimawandel auf lange Sicht zu verstehen. Die Wissenschaft, die sich mit dem Klimawandel befasst, ist eine Wissenschaft, die zu vielen Diskussionen führt und die politischen Brennstoff besitzt. Viel zu oft wird ohne belegte Fakten argumentiert. Wir brauchen weniger Debatten, die lediglich auf Meinungen beruhen und mehr Gespräche über Fakten und Entwicklungen, die wissenschaftlich fundiert sind.

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Wie würde eine Ölkatastrophe in der Arktis aussehen? Map it

Dan Slavik, Programmbeauftragter des World Wildlife Fund (WWF) in der kanadischen Beaufortsee, spricht mit dem Autor von Polar Sea 360 Kyla Garvey über die Studien des WWF zu den Risiken der Öl- und Gaserschließung in der Beaufortsee.

Beaufortsee

Was tut der WWF, um die drohende Ölverschmutzung in der Arktis zu verringern?

A: Der WWF hat modernste Studien zu möglichen Szenarien von Ölkatastrophen in der Beaufortsee durchgeführt, um Notfallplaner und Politik darüber in Kenntnis zu setzen. Wir haben eine Verlaufskarte einer Ölkatastrophe in der Beaufortsee entwickelt, um mögliche Szenarien und Risiken für das Ökosystem, sowie für Orte der Region, die von kulturellem Wert sind, zu veranschaulichen. Wir wollten wissen, wie sich das Öl ausbreitet, wenn es aus mehreren Quellen entweicht und welche Auswirkungen das auf die Hauptlebensräume, die Tierwelt und die geschützten Seegebiete der Region hat. Um diese Szenarien so realistisch wie möglich zu gestalten, haben wir Informationen von Ölkatastrophen benutzt, die in der Vergangenheit bereits passiert sind, in Kombination mit aktuellen Umweltdaten der Region sowie Vorhersagen für die Erschließung der Region.

Das erhöhte Interesse von Ölkonzernen an der Arktis, das es momentan gibt, veranlasste uns dazu, diese Karte zu erstellen. Denn, dass die Erschließung der Arktis zugenommen hat, ist jetzt schon zu beobachten. Ziel des WWF ist es, noch bevor die Öl- und Gaserschließung in vollem Umfang einsetzt, gewährleisten zu können, dass es vor Ort Schutzmechanismen gibt, die die Hauptökosysteme und die hier lebenden Spezies im Falle eines Unfalls schützen.

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Mit einer Lizenz erhält eine Firma die Exklusivrechte für ein bestimmtes Gebiet. Für die Exploration von Öl und Gas muss jede Firma daher zuerst eine Lizenz erwerben. Für jedes Gebiet sind sowohl eine spezielle Lizenz für signifikante Öl- und Gasvorkommen sowie eine Produktionslizenz für die kommerzielle Öl- und Gasgewinnung nötig. Diese Lizenzen werden von der Northern Oil and Gas Branch, einer Zweigstelle des Ministeriums Department of Aboriginal Affairs and Northern Development ausgestellt, das die Öl- und Gasgewinnung in dieser Region verwaltet.

Quelle: WWF

 

F: Gibt es bereits eine Öl- und Gasindustrie in der Beaufortsee?

A: Die Beaufortsee verfügt über sehr große Öl- und Gasvorkommen. In den 1970er und 1980er Jahren fanden ausgiebige Explorationen und einige Öl- und Gasbohrungen statt, aber die Gewinnung wurde nie kommerziell betrieben. Jetzt, wegen des Klimawandels und des erhöhten globalen Bedarfs an Öl und Gas, verändern sich die Bedingungen und es gibt ein erneutes Interesse an Öl und Gas in der Arktis.

Was uns dabei die meisten Sorgen bereitet, ist das Vorhaben, eine Tiefsee-Erdölbohrung abseits der Küste, ungefähr 125 Kilometer nordwestlich von Tuktoyaktuk in den Nordwest-Territorien durchzuführen, die bis zu einem Kilometer in die Tiefe reicht. Dies wäre die tiefste je erprobte Ölbohrung in arktischen Gewässern. Dieses Projekt ist als Joint Venture der Konzerne Imperial Oil, British Petroleum (BP) und ExxonMobil vorgesehen. Gegenwärtig versuchen die Konzerne die Sicherheitsbestimmungen zu umgehen, die eine Entlastungsbohrung in derselben Bohrsaison vorsehen. Gemäß diesen Sicherheitsbestimmungen muss ein Konzern gewährleisten können, in derselben Saison, eine Entlastungsbohrung durchzuführen, um die Risiken zu minimieren. Eine Entlastungsbohrung ist ein Sicherheitsmechanismus, der einen Überschuss an Öl oder Gas ableitet, wenn es im Hauptschacht zu einem Blow-out (unkontrollierter Ausbruch von Öl oder Gas) kommt. Das soll große Lecks, die ernsthaften Schaden anrichten können, verhindern.

F: Was wäre bei einer Ölkatastrophe in der Arktis anders als in anderen Regionen der Welt?

„Die Hauptsorge bei einer Ölkatastrophe in der Arktis ist das Zusammenspiel zwischen Öl und Eis”

A: Der größte Unterschied ist, dass der Arktische Ozean zur meisten Zeit des Jahres zum größten Teil mit Eis bedeckt ist. Die Hauptsorge dabei ist das Zusammenspiel zwischen Öl und Eis: Zu allererst würden Einsatzteams gar nicht an das gefrorene Öl herankommen und einige der chemischen und mechanischen Maßnahmen, die bei Ölkatastrophen normalerweise getroffen werden, wären wegen der eiskalten Temperaturen nur begrenzt durchführbar.

Das schlimmste Szenario, das man sich vorstellen kann, wäre ein Blow-out bei einer Ölbohrung unter Wasser, die vor dem Winter nicht gestoppt werden kann. Somit würde das Öl während der ganzen Zeit, während das Eis das Wasser bedeckt, ungehindert ins Meer fließen. Und das ist noch nicht alles, es würde nicht nur acht Monate lang kontinuierlich ins Meer strömen, bis die Einsatzkräfte schließlich in der Läge wären, das Leck zu schließen, sondern das Öl wäre auch im Eis eingeschlossen und könnte sich mit dem Eis weiter und schneller verbreiten.

 

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Die Ausmaße des Rückgangs von arktischem Meereis innerhalb eines Zeitraumes von 25 Jahren. Die Meereisdecke wird nicht nur kleiner, sondern auch dünner. Die ältesten und dicksten Schichten von mehrjährigem Eis sind weiß gekennzeichnet; einjähriges Eis, das die Sommerschmelze ein Jahr überstanden hat, ist dunkelblau. Ende des Jahres 2013 bestanden lediglich 7% der Eisdecke aus mehrjährigem Eis.

Quelle: NOAA

 

F: Welche Bereiche der Gemeinden und ihrer Umwelt würde die industrielle Erschließung noch beeinflussen?

A: Die Exploration von Öl und ein Anstieg der industriellen Erschließung in diesen entlegenen Regionen bringt eine Reihe von sozialen und gesundheitlichen Risiken für die Gemeinden und die dortige Tierwelt mit sich. Der Lärm, der unter Wasser von Erschließungsarbeiten verursacht wird, wie z.B. durch seismische Arbeiten, die durchgeführt werden, um mögliche Ölvorkommen und Gasdepots zu lokalisieren, gefährden Meeressäuger wie Wale und Robben. Die Schifffahrt durch arktische Gewässer beeinflusst die Zersplitterung von Meereis, was wiederum das gesamte Ökosystem des Meereises in hohem Maße beeinflussen kann. Außerdem können Schiffe, die die Region durchfahren, invasive Arten einführen.

F: Was soll mit diesem Projekt erreicht werden?

A: Wir hoffen, die Bewohner der Regionen im Norden und die Hauptentscheidungsträger mit glaubhaften, wissenschaftlichen Fakten versorgen zu können, damit sie sich vorstellen können, wie eine Ölkatastrophe tatsächlich aussieht. Mit diesem Wissen sollten sie in der Lage sein, ihre Notfallpläne zur Prävention und Bekämpfung von Ölverschmutzungen dementsprechend auszurichten. Nachdem wir diese Studie durchgeführt hatten, sind wie zu allen sechs Gemeinden des Gebietes der Beaufortsee gefahren, um eine Diskussion in Gang zu setzen und unsere Informationen mit den Gemeinden zu teilen. Wir wollen, dass die Menschen dieser Inuvialuit-Gemeinden, die dort die Entscheidungen treffen, die bestmögliche Information bekommen, um selbst beurteilen zu können, ob die finanzielle Kompensation, die sie dafür erhalten, dieses Risiko wert ist.

„Was uns dabei die meisten Sorgen bereitet, ist das Vorhaben, die tiefste je erprobte Ölbohrung in arktischen Gewässern durchzuführen.”

F: Werden die dortigen Gemeinden nein zur industriellen Erschließung in ihren Gebieten sagen?

A: Ich kann nicht für die Gemeinden sprechen, aber schon in den 1970er und 1980er Jahren waren sie über die Auswirkungen einer Ölverschmutzung in der Arktis besorgt. Eine große Ölkatastrophe würde nicht nur ihre Umwelt beeinflussen, sondern ihre gesamte Lebensweise. Denn sie brauchen das Meer und die Tiere zum Überleben. Obwohl sie bisher sehr behutsam mit diesem Thema umgingen, brauchen sie auch ein größeres Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze – diesen Teil der Gleichung darf man nicht vergessen. Da sie den Anspruch auf dieses Land haben, haben diese Gemeinden sehr viel Einfluss auf die direkte Entwicklung, aber ihre Fähigkeit nein zu sagen wurde noch nicht ausgereizt. Wenn sie nein sagen, wäre dies eine wirksame Botschaft an die Regierung und an die Industrie.

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Ein Tag an Bord der Libellule Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Tramper. Bei gutem Essen und einer wunderschönen Aussicht lernt Richard die Crew der Libellule kennen. Der Katamaran segelt durch den Amundsen-Golf, vorbei an den Nordwest-Territorien im Norden Kanadas.

6. September - Amundsen Gulf

Zwischen 22 Uhr und 2 Uhr habe ich Wachdienst. Er fing mit Regen und Sturm an. Durch den Nieselregen sehe ich plötzlich vor uns ein schwaches Licht. Es sieht wie eine kleine gelbe Wolke aus. Langsam wird das Licht größer und nimmt eine orangene Farbe an. Was ist das? Ein Schiff? Eine Ölplattform? Ich laufe nach unten und frage Phillip nach seiner Meinung. Wir sehen uns den Radar an, aber da ist nichts.

Dieses Phänomen ist unheimlich aber auch schön. Das orangefarbene Licht wird immer größer und stärker und der Regen zieht ab und jetzt erkennen wir es: es ist die Sonne! Wie konnten wir uns nur so in die Irre treiben lassen? Später gibt der tiefblaue Nachthimmel die Sicht frei auf den Großen Wagen und die Konstellationen Skorpion und den Gürtel des Orion. Im Osten spannen die Nordlichter Schleier aus schimmerndem Licht über dem Himmel aus. Während ich all das sehe, strahle ich vor Glück. Es ist das erste Mal, dass ich die Nordlichter sehe.

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„Während ich all das sehe, strahle ich vor Glück. Es ist das erste Mal, dass ich die Nordlichter sehe”

Die Schichten auf der Libellule sind so ähnlich wie auf der DAX: drei Schichten zu je drei Stunden. Bei schlechtem Wetter verkürzen wir sie. Das Crewmitglied, das die Schicht vor dir hatte, weckt dich zu Beginn deiner Schicht durch ein sanftes Schütteln deiner Zehen auf. Man öffnet die Augen und blickt in ein lächelndes Gesicht: “Richard, Zeit aufzuwachen”. Normalerweise stehe ich auf und ziehe zwei Pullis an, meine gelbe Hose und meine Jacke. Ich ziehe eine Rettungsweste über, nehme meine Fäustlinge mit und gehe nach oben zur Kombüse, um mir eine Thermoskanne mit Tee zu machen. Nach einem Schluck Tee mit Honig bin ich bereit, das Ruder zu übernehmen.

Das Boot ist sehr gut ausgestattet. Es gibt vier Kajüten an Bord. Jede bietet zwei Personen Platz und hat eine Dusche. Ich schlafe in der Kajüte am Bug, backbord, was bei rauem Seegang eine wackelige und laute Angelegenheit sein kann, aber das macht mir nichts aus. Das Einzige, was sehr unangenehm ist, sind die kalten Temperaturen an Bord. Wenn man aufwacht kann man das Kondenswasser überall an den Wänden und Fenstern sehen. Wir müssen das Boot ständig mit dem “le chemis” trocken wischen, ein hochsaugfähiger Lappen.

Kochen spielt an Bord der Libellule eine große Rolle. Jedes Mittag- oder Abendessen besteht aus mindestens zwei Gängen und schmeckt fantastisch. Es ist wie im Paradies. Nach dem Essen hilft jeder außer dem Koch mit dem Abwasch und dabei wird immer gelacht, was den Aufenthalt auf dem Boot so viel einfacher macht. Auf der Libellule wird französisch, englisch und deutsch gesprochen. Mein Französisch und Deutsch sind nicht besonders gut, daher spreche ich hauptsächlich englisch.

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„Bisher mussten fünf Boote ihre Reise durch die Nordwestpassage abbrechen”

Laut unseren Informationen mussten bisher fünf Boote ihre Reise durch die Nordwestpassage abbrechen. Wir hatten bis jetzt Glück, aber wir sind auch gut vorbereitet, dank der strategischen Planung unserer erfahrenen Skipper Yves und Sylvain. Das sind wirklich robuste Typen, die immer lachen und in allen Situationen ruhig bleiben. Philipp, der Eigentümer des Schiffes, ist Schweizer und auch ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Er sieht ein bisschen wie George Clooney aus. Er ist ruhig und behält in allen Situationen einen kühlen Kopf, trotz des Risikos vor der Küste Alaskas im Eis steckenzubleiben. Seitdem wir Herschel Island hinter uns gelassen haben, gibt es kaum noch Schutz. Wenn wir Cape Barrow erreichen, sind wir wieder besser geschützt – zumindest vor dem Eis. Philipps Onkel Michael ist auch mit an Bord. Er ist der älteste von uns und er hat immer viele lustige Geschichten zu erzählen. Er ist ein freundlicher Mann mit wissbegierigen Augen, der wie ich in Cambridge Bay an Bord der Libellule ging.

Es ist 15:30 Uhr und man kann Cape Parry bereits backbord in der Ferne erkennen. Eine Tabelle der Eisdichte, die wir vor kurzem heruntergeladen haben, zeigt uns eine Eiskonzentration von 2/10 an, nördlich von Cape Bathurst ist sie aber auch 8/10. Der Wind kommt aus Nordost und drückt das Eis in unsere Richtung, in Richtung der Küste.

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