Polar Sea 360°

Episode 10

Ausblick in die Zukunft

Kurs Richtung Süden Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Tramper. Richard hatte seine Reise auf dem 9,5 Meter langen Segelboot DAX begonnen. In Pond Inlet ging er an Bord des Kreuzfahrtschiffes Akademic Ioffe. Jetzt beendet Richard seine Reise durch die Nordwestpassage auf dem Katamaran Libellule.

9. September - Beaufortsee

Nachdem wir Point Barrow passiert haben, fahren wir in südwestlicher Richtung weiter. Wir sehen wesentlich weniger Vögel und die Luft riecht nach Erde. In der Beaufortsee konnte man fast keine Gerüche wahrnehmen. Ich bin froh, dass ich mich an diesen kleinen Unterschieden erfreuen kann. Ich lasse die vielen deutlichen Kontraste dieser Reise Revue passieren: die Temperaturunterschiede innerhalb der gesamte Nordwestpassage, die Unterschiede zwischen dem kanadischen Archipel und der recht langweiligen Küste Alaskas, wo sich in der flachen Tundra nicht viel tut. Wir kosten gerade dünne Scheiben Rote Beete aus der Dose und Lachspastete mit Kokos, Feta und Balsamico-Essig. Wenn wir diese Geschwindigkeit beibehalten, werden wir Nome in ungefähr drei Tagen erreichen.

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Nordwestpassage abgeschlossen
10. September

Um 10:57 Uhr segelten wir am Polarkreis vorbei. Wir sehen die Diomedes-Inseln direkt vor uns: Russland ist steuerbord von uns, steile kalte Berge fallen direkt ins Meer ab. Die USA ist backbord von uns. Weiter vorn sieht man eine große Herde Walrosse. Zuerst hielten wir sie für Wale, aber ihre rotbraune Farbe passte nicht zu Walen. Durch die Ferngläser sahen wir dann, dass es auf der kleinen Insel, an der wir gerade vorbei gefahren sind, noch viel mehr Walrosse gab. Wir fuhren näher heran. Im Wasser um das Boot herum wimmelte es nur so vor schnaubenden Kreaturen mit einem Atem, der nach Sardinen roch. Als wir ganz nah waren, tauchten sie grunzend und schäumend und umgeben von einer Dampfwolke ins Wasser.

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Meine Heimat, die im Meer versinkt Map it

Von Colleen Swan, Bewohnerin und aktives Gemeindemitglied von Kivalina in Alaska. Das Dorf Kivalina wird aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels zerstört. Colleen berichtet von den Ursprüngen Kivalinas und davon wie die Menschen auf die heutigen Veränderungen reagieren.

Kivalina, Alaska

Ich habe mein ganzes Leben in Kivalina verbracht. Bis 1905 – das war noch vor meiner Geburt – lebten die Menschen in Kivalina in Siedlungen. Sie benutzten diesen Ort lediglich als Versammlungsort und während bestimmter Jahreszeiten als Jagdgrund. An einem Nachmittag, als die Menschen auf der Jagd nach Bartrobben waren, legten Schiffe der Regierung hier bei uns an. Sie hatten Baumaterial für eine Schule dabei. Als sie die Schule errichtet hatten, sagten sie den Menschen, sie müssten die Siedlungen verlassen und nach Kivalina ziehen. Sie drohten ihnen, wenn sie ihre Kinder nicht in die Schule schickten, müssten sie Strafe zahlen oder ins Gefängnis gehen. Die Regierung richtete diese Gemeinde unter Zwang ein.

Von Anfang an gab es Probleme in Kivalina. Während einer Versammlung im Jahr 1911 äußerten die “Elders” (Familien- oder Gemeindeälteste) ihre Bedenken, wegen der heftigen Stürme, Überflutungen und Erosionen, die sie im Herbst beobachtet hatten. Als ich hier aufwuchs, machte ich mir keine großen Gedanken über die Zukunft unserer Gemeinde; für mich schien mit der Umwelt alles normal zu sein. Erst als uns im Jahr 2004 die Herbststürme trafen, wurde mir klar, wie dringend wir diese Insel verlassen müssen.

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„ Das Einzige, was wir tun können, ist, diesen Ort zu verlassen und uns in höher gelegenen Regionen niederzulassen. Hier können wir nicht überleben”


Diese Stürme waren anders als die Sturmfluten, die wir sonst jeden Herbst hier hatten. Denn in diesem Jahr hatten wir kein Meereis, das uns vor ihnen beschützte. Normalerweise ist die Küste bis Anfang Oktober ausreichend mit Eis bedeckt, so dass die Meereisdecke die Sturmfluten zurückhält; abgebrochene Eisstücke türmen sich am Strand auf, wenn das Meer zufriert, und die Wellen erreichen somit nicht mehr das Land. Aber ohne das Eis zogen die Sturmfluten über ganz Kivalina hinweg und danach brach das Land an den Küsten in großen Stücken ab und fiel ins Meer. Die Bewohner haben alles versucht, um diesen Prozess aufzuhalten, aber nichts führte zum Erfolg. Eine Welle nach der anderen schlug mit voller Wucht gegen die Insel und überflutete das Zentrum des Dorfes als wäre das Wasser dazu bestimmt, sich wie eine Planierraupe seinen Weg zur anderen Seite der Barriere-Insel zu bahnen. Einer der “Elders” sagte mir, er hätte in seinem ganzen Leben keine schlimmeren Stürme erlebt und das Wasser wäre noch nie zuvor so hoch gewesen. Da wurde mir klar, dass wir in Schwierigkeiten steckten.

Der Verwaltungsbezirk Northwest Arctic Borough investierte 2006 mehrere Millionen Dollar in ein Projekt zum Erosionsschutz der Insel. Ohne jegliche Rücksprache mit der Gemeinde stapelten sie hunderte mit Sand gefüllte Drahtkörbe, die keinen Boden hatten, aufeinander. Es war vorauszusehen, dass dieser Schutzwall bereits kurz nach seiner Fertigstellung von einem Sturm zerstört werden würde. Der Dorfvorstand kam später zu dem Schluss, dass diese Maßnahme der Erosion in Kivalina sogar Vorschub geleistet hatte. Zwei Jahre später baute die Militäreinheit United States Army Corps of Engineers (USACE) eine große Steinmauer, um uns vor den Sturmfluten an der Küste zu beschützen. Man sagte uns, das würde uns zehn bis fünfzehn Jahre Aufschub gewähren, die wir länger auf der Insel bleiben könnten.

Die Lage vor Ort verschlimmert sich zusehends und das liegt eindeutig am Klimawandel. Die Infrastruktur bricht zusammen und macht uns noch verwundbarer als wir es bereits sind. Die Grundversorgung mit Trinkwasser und die Instandhaltung der Klärdienste sind nicht mehr gewährleistet. Außerdem fehlt es den Menschen an Essen. Wir sind hier normalerweise sehr anpassungsfähig, aber es ist sehr schwierig für uns geworden, bei derartig rasanten Veränderungen noch Schritt zu halten. Die Wassertemperatur des Meeres steigt an; das hat zur Folge, dass das Meereis schmilzt und die Eisverhältnisse zu gefährlich werden, um Wale oder andere Tiere zu jagen. In den letzten Jahren haben wir beobachtet, dass die Wale noch weiter in den Norden ziehen und dass sich die Migrationsmuster der Zugvögel, Karibus und Robben verändert haben. Bartrobben sind für uns besonders wichtig; sie sind im Winter unsere Nahrungsquelle. Doch jetzt können wir ihre Migrationsmuster nicht mehr vorhersehen. Unser Wissen über die Umwelt und das Wetter ist das, was uns dabei hilft, in diesem Klima zu überleben. Jede Veränderung nehmen wir wahr. Aber die enormen Veränderungen, die heute zu beobachten sind, lassen Zweifel aufkommen, ob uns unser Wissen heute noch nützlich sein kann. Das Einzige, was wir tun können, ist, diesen Ort zu verlassen und uns in höher gelegenen Regionen niederzulassen. Hier können wir jedenfalls nicht überleben.

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„Die Ölkonzerne haben es irgendwie geschafft, den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass sie angeblich keinen Einfluss auf das Klima hätten”

Es verursacht Empörung, wenn man von etwas bedroht wird, das man selbst nicht verursacht hat, man jedoch damit leben muss. Daher haben wir im Februar 2008 ein Gerichtsverfahren gegen Exxon Mobil und 23 andere Ölkonzerne eingeleitet, um für Kivalina Schadenersatzansprüche einzuklagen. Wir sehen die Energiekonzerne nach wie vor als Mitverursacher der globalen Erwärmung und letztendlich auch als Mitverursacher der Zerstörung unserer Gemeinde. Gemäß den Schätzungen der USACE und des US-amerikanischen Rechnungshofs wird der Schaden in Kivalina auf 95 Millionen bis 400 Millionen Dollar geschätzt.

Das zuständige Bezirksgericht der Vereinigten Staaten wies die Klage 2009 mit der Begründung ab, dass die Regulierung von Treibhausgas-Emissionen Aufgabe der Politik ist und somit in den Zuständigkeitsbereich des Kongresses und nicht in den von Gerichten falle. Wir legten mehrere Male Berufung ein, jedoch ohne Erfolg. Die Ölkonzerne haben es irgendwie geschafft, den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass sie angeblich keinen Einfluss auf das Klima hätten und dass der Klimawandel eigentlich gar nicht stattfände, sondern dass es sich dabei lediglich um einen natürlichen Zyklus handele, der sich in bestimmten Zeitabständen immer wieder wiederhole.

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„Es ist sehr wichtig für die Inupiat und ihre spirituellen Ideale, dass sie in Harmonie mit ihrer Umgebung und Umwelt leben”

Dem Beschluss ein Gerichtsverfahren anzustrengen gingen viele Überlegungen voraus und er war der Grund für große Spannungen innerhalb der Gemeinde. Er stellte eine Verletzung unserer Gewohnheitsrechte dar. Während des Gerichtsverfahrens musste ich ständig daran denken, was mir mein Großvater beigebracht hatte: “Wenn dir jemand Probleme bereitet, lass ihn in Ruhe. Geh weg.” Es ist sehr wichtig für die Inupiat und ihre spirituellen Ideale, dass sie in Harmonie mit ihrer Umgebung und Umwelt leben. Das zeigt sich zum Beispiel auch am Erfolg der Jäger einer Gemeinde. Wenn die Walfänger von Kivalina nicht erfolgreich sind, glauben wir, dass ihre gesellschaftliche Akzeptanz wegen der Misswirtschaft beim Handel mit weniger wohlhabenden Gemeindemitgliedern in Mitleidenschaft gezogen wurde und die Harmonie aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Deswegen haben sich die Bewohner auch gegenseitig die Schuld dafür in die Schuhe geschoben, dass es uns an traditionellem Essen in unserer Gemeinde fehlt. Ich wurde auch von vielen Seiten beschuldigt, dass mein Kampf für den Schutz unserer Rechte Disharmonie verursacht. Da ich mein Volk liebe, trifft mich das tief. Ich fühle mich, als hätte ich meinen Großvater verraten und ich mache die Öl- und Energiekonzerne dafür verantwortlich.

Wenn wir jetzt keine Lösung finden, werden wir dieses Problem unseren Kindern und Enkeln hinterlassen. Die Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren ist zwar auf lange Sicht ein Lösungsansatz, aber was Kivalina braucht, sind auch Maßnahmen, die sofort und kurzfristig greifen. Diejenigen, die die Macht dazu hätten, die Lage zu verbessern, haben beschlossen, untätig zu bleiben. Die Ölkonzerne zu bitten, ihre Politik zu ändern, wäre zu viel verlangt, denn das könnte ihre Profite verringern. Nur weil sie die Taschen voller Geld haben und wissen, wohin sie sich flüchten können, falls etwas passiert, können sie es sich erlauben, einfach darüber hinwegzusehen.

Die Bewohner von Kivalina haben dafür gestimmt, zu einem Ort überzusiedeln, der nur vier Kilometer von hier entfernt auf dem Festland liegt. Doch die Regierung ist der Meinung, eine Umsiedlung würde zu viel Geld kosten. Das ergibt keinen Sinn. Wir haben schließlich nichts verbrochen, wir leben einfach nur hier. Und die Regierungsbeamten waren diejenigen, die uns überhaupt erst hierher gebracht haben. Schon vor langer Zeit haben unsere Gemeindemitglieder gewusst, dass dieser Ort keine gute Wahl ist, aber wir hatten keine Möglichkeit uns dagegen zu wehren.
Meiner Meinung nach ist es jetzt zu spät. Das Wetter ist so unberechenbar geworden, dass sich die Lage nur noch verschlimmern wird. Und es gibt nichts, was wir tun können, um uns zu retten, außer Mutter Natur aus dem Weg zu gehen.
 

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Nome, Alaska: Königskrabben und Bier Map it

Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und Tramper. In Nome im Staat Alaska nimmt Richard mit seinen Begleitern durch die Nordwestpassage ein paar Drinks ein, um das Ende ihrer langen Reise zu feiern.

11. September - Nome, Alaska

Als wir im Hafen von Nome in Alaska eintrafen, habe ich zum ersten Mal in Monaten Bäume gesehen. Yves öffnete zum Mittagessen eine Flasche Champagner.

Wenn man im Hafen von Nome ankommt, fällt einem sofort das hektische Treiben auf. Vor ein paar Jahren war Nome ein verschlafener Außenposten im arktischen Süden Alaskas. Aber als der Trend der Fernsehserien über die Goldgräber vor ein paar Jahren anfing, hat sich hier alles verändert. Davor gab es in Nome nur ein paar wenige offiziell angemeldete Schwimmbagger, jetzt sind es über 200. Im Hafen sieht man die Goldgräber: sorglos gekleidete Männer mit rauen Gesichtern und Bärten, die viel rauchen. Überall sitzen sie in ihren Schwimmbaggern in allen Größen. Laut der Auskünfte des Hafenbetreibers wird die Stadt Nome den Hafen ausbauen, damit er größere Frachtschiffe und Tanker aufnehmen kann.

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Sicher festgemacht an der Südseite des Hafens, feierten wir an Bord der Libellule, dass wir die Durchquerung der Nordwestpassage geschafft haben. Um 18:30 kamen Nicolas und Marco von der Perd pas le Nord mit ein paar Flaschen Wein zu uns. Ihr Trip durch die Nordwestpassage endete in Point Barrow fast in einer Katastrophe, als sie auf eine Sandbank auffuhren und während eines Sturms 24 Stunden lang versuchten freizukommen. Sie mussten die Reise schließlich abbrechen und wurden von einem Hubschrauber evakuiert. Nach vier Tagen in Point Barrow brachte sie ein Schlepper wieder zur Perd pas le Nord und zog sie wieder ins Wasser. Sie konnten dann bis Nome weiterfahren und jetzt trinken wir zusammen Wein und feiern unseren Erfolg.

Um 21:00 Uhr gingen wir ins Restaurant Bering Sea, aßen Steaks und tranken Bier aus Alaska. Danach erkundeten wir die Kneipenkultur. In einer Bar lief eine glatzköpfige Barkeeperin hin- und her, um Drinks zu servieren, während sie dabei Witze erzählte und den nicht mehr so nüchternen Gästen aufmunternde Worte zukommen ließ. Laute Rockmusik tönte aus den Lautsprechern und die Stimmung war gut. Als nächstes gingen wir zur Breakers Bar, einer Mischung aus Wett-, Billard- und Waschsalon und einer normalen Bar. Eine Frau hat 250 Dollar beim Wetten gewonnen und gab uns allen einen Drink aus. Zwei Goldgräber zeigten mir ein Bild ihrer Erträge der letzten vier Tage. Es schienen eine ganze Menge Goldbarren zu sein. Um 2 Uhr haben alle Kneipen zu gemacht und alle drängten auf die Straße. Draußen lernten wir Sheila, Andrew und Arlo kennen, mit denen wir auf der Libellule weiterfeierten. Arlo nahm seine Gitarre mit und wir machten eine Jam Session an Bord. Er ist Musiker und klingt nach einer Mischung aus JJ Cale und Bob Dylan mit einem kleinen Einschlag von Cohen. Ich spielte meinen Baffin Bay Waltz und er begleitete mich; dann spielte er ein paar seiner Songs und ich begleitete ihn. Draußen regnete es stark. Die Feier ging bis 4:30 Uhr. Am nächsten Morgen verließen Philipp und Michael das Boot, um ihr Flugzeug zurück nach Europa zu nehmen. Yves, Sylvain und ich verließen im Regen den Hafen von Nome.

Während ich meinen schmerzenden Schädel schone, muss ich zurückdenken an die Reise. Mir fällt auf, dass Reisen nicht zu komfortabel sein darf. Man muss manchmal kämpfen und frieren und müde sein. Nur so kann man es genießen, wieder in eine Bar zu gehen und ein Bier zu trinken. Wenn ich die ganze Zeit in Bars gehen würde, würde es nicht so viel Spaß machen.

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Kivalina: Ein Beispiel für den Klimawandel Map it

Von Robin Bronen, Leiter des Alaska Institute for Justice und leitender Wissenschaftler der University of Alaska in Fairbanks. Robin erläutert wie die Kleinstadt Kivalina in Alaska aufgrund des Klimawandels buchstäblich im Ozean erodiert und warum dieser Fall eine Vorwarnung auf das ist, was noch kommen wird.

Kivalina, Alaska

Kivalina ist eine Barriereinsel, die auf einem schmalen Landstreifen oberhalb des nördlichen Polarkreises liegt. Wegen der wärmeren Wetterbedingungen ist Kivalinas Küste nicht mehr durch das arktische Meereis vor Sturmfluten und Wellen geschützt, was dazu führt, dass die Insel buchstäblich vom Ozean verschluckt wird. Die Insel, die seit 1000 Jahren von den Inupiat als Jagdgrund genutzt wird, wird voraussichtlich bis 2025 vollkommen unter Wasser stehen.

Im September 2006, nachdem ein Schutzdamm, dessen Bau mehrere Millionen Dollar verschlungen hatte, fertiggestellt worden war, kamen führende Mitglieder der föderalen Regierung hierher, um das Ende der Bauarbeiten zu feiern. Doch bevor die Feier begann, zog ein Sturm auf und beschädigte 50 Meter des 550 Meter langen Schutzdammes. Man muss es kaum erwähnen, aber die Feier wurde selbstverständlich abgesagt. Ein Jahr später, evakuierten sich 250 Bewohner Kivalinas selbst, als ihnen ein Sturm bevorstand und Überflutungen von 3,60m bis 4,30m Höhe vorhergesagt wurden. Die ganze Gemeinde, die auf einer Höhe von 3m über dem Meeresspiegel lebt, sah sich ernsthaft bedroht. Diese finstere Realität hat mich dazu bewegt, meine Forschung auf einen bestimmten Aspekt zu konzentrieren: auf die durch den Klimawandel hervorgerufene Umsiedlungen von Gemeinden in Alaska.

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Obwohl die Regierung mehrere Studien diesbezüglich durchführte und über ein Jahrzehnt mit den Bewohnern des Dorfes zusammenarbeitete, um eine Lösung zu finden, gibt es zurzeit keinen Rettungsplan für die Gemeinde in Kivalina. Während die Regierung Geldmittel für andere Gemeinden in Alaska zur Instandsetzung und zum Wiederaufbau bereitstellt, werden sie Kivalina verweigert, da die Regierungsbeamten nicht daran glauben, dass die Infrastruktur vor Sturmfluten gerettet werden kann. Um Katastrophenhilfe beziehen zu können, bedarf es außerdem eines extremen Wetterereignisses. Was jedoch die Leben in Kivalinas Gemeinde bedroht, ist Erosion. Und Erosion zählt nicht zu den Katastrophen, die laut Gesetzgebung die Katastrophenhilfe der US-Regierung abdeckt.

Außerdem verfügen die Vereinigten Staaten nicht über einen institutionellen Rahmen für Umsiedlungen, was bedeutet, dass keine Regierungseinrichtung, ob staatlich, föderal oder stammeszugehörig, die Befugnis hat, technische oder wirtschaftliche Hilfe zur Umsiedlung zu leisten. Gemeinden wie Kivalina fallen also buchstäblich durch das Raster. Die Regierung stellt ihnen keine Mittel zur Verfügung, um ihre bröckelnde Infrastruktur wieder instand zu setzen und sie verweigert ihnen außerdem Unterstützung bei der Umsiedlung der gesamten Gemeinde – eine Zwickmühle zu Ungunsten von Kivalina.

Kivalina ist nicht der einzige Ort, der sich in dieser Situation befindet. Was sich hier abspielt, ist ein Spiegelbild dessen, was sich in Küstenstädten überall auf der Welt abspielen wird. Man muss sich nur Hurrikan Sandy ins Gedächtnis rufen, der entlang der Ostküste der Vereinigten Staaten tobte und der bei hohem Seegang plötzlich scharf nach links zur Küste New Jersey abdriftete. Das war ein alarmierender Weckruf für alle Bewohner dieser Gegend. Dieses Ereignis half dabei, den lang gehegten Glauben daran zu zerschmettern, dass der Klimawandel ein weit entferntes Phänomen ist, von dem wir in unserer Lebenszeit nichts mitbekommen werden. Jetzt wurden Landkarten erstellt, die zeigen, wie Lower Manhattan mit verschiedenen vorhergesagten Anstiegshöhen des Meeresspiegels aussehen wird. Es wird unter Wasser stehen, aber die Frage ist: Wie schnell passiert das?

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Die nächste Frage, die sich stellt, ist: Wohin werden die Menschen dann gehen? Darauf habe ich keine Antwort. Es ist schwer genug dieses Problem in Angriff zu nehmen, wenn indigene Gemeinden von 400 bis 1000 Menschen betroffen sind, aber wenn es sich plötzlich um Millionen von Menschen in Küstenstädten auf der ganzen Welt handelt, nimmt die Thematik ganz andere Ausmaße an. Wir müssen jetzt darüber nachdenken, wohin die Menschen gehen, und nicht dann, wenn bereits Tausende durch Stürme umgekommen sind.

Der Rückgang der arktischen Meereisdecke führt uns den Klimawandel vor Augen; wir können mitansehen wie schnell die Temperaturen ansteigen. In einer Studie stellte sich kürzlich heraus, dass die Temperaturen des Monats Oktober in der Stadt Barrow in Alaska zwischen 1979 und 2012 um 7,2 Grad Celsius angestiegen sind. 2012 wurde die bisher geringste Ausdehnung von arktischem Meereis gemessen und 2013 sagten Wissenschaftler, wird es im Sommer frühestens wieder im Jahr 2020 Meereis geben. Dies führt zu erheblichen Konsequenzen auf der ganzen Welt, da die arktische Meereisdecke einer der größten natürlichen Klimaanlagen der Erde ist.

Es gibt überall, wohin ich gehe, Menschen, die nicht daran glauben, dass der Klimawandel Realität ist. Das ist tragisch, denn der Klimawandel ist pure Realität. Das schwindende arktische Meereis ist ein fühlbarer und sichtbarer Beweis dafür. Es geht jetzt darum, unsere Lebensweise umzustellen und von der Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas abzuweichen. Die Bewohner von Kivalina, Shishmaref und Newtok haben alles, was in ihrer Macht war getan, um ihre Gemeinden vor den klimabedingten Umweltveränderungen zu schützen und das Bewusstsein der alaskischen Delegation des Kongresses, der Vertreter der Regierung und der Öffentlichkeit für ihre Notlage zu schärfen. Der Klimawandel ist ein zusätzlicher Stressfaktor für Gemeinden, die bereits unter großem Stress leiden, da ihr Zugang zu Ressourcen begrenzt ist. Industrien, die vom Verbrauch fossiler Brennstoffe profitiert haben, sollten diesen Gemeinden nun auch die Ressourcen zur Verfügung stellen, die auf Geldmittel und Technologien angewiesen sind, um sich den Bedingungen anzupassen.

Ich weiß nicht, welche Entscheidungen Kivalina oder andere Gemeinden in Alaska treffen werden, denen eine Umsiedlung droht. Es gibt keinen bereits geebneten Weg für eine Umsiedlung, den sie gehen könnten. In den Vereinigten Staaten existieren keinerlei Richtlinien, an die sich die Gemeinden halten könnten, um eine Umsiedlung durchzuführen. Wir alle genießen Menschenrechte, die es im Angesicht der lebensbedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels zu schützen gilt.

Anmerkung des Redakteurs:

Als Lösung schlägt Robin einen “adaptiven Handlungsrahmen” vor, der auf einer Doktrin mit Menschenrechten basiert. Das heißt, der Bevölkerung würde ein Maßnahmenkatalog zur Verfügung stehen, um klimabedingte Umweltveränderungen zu bekämpfen, die die Bewohnbarkeit der Orte, an denen sie leben, betrifft. Dazu zählen Maßnahmen zum Schutz vor Ort, sowie Umsiedlungsmaßnahmen. Ein Grundelement einer Menschenrechtsdoktrin ist das Recht auf Selbstbestimmung. Einzelne Haushalte und Gemeinden müssen das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob sie sich umsiedeln lassen wollen oder nicht.

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Stille Map it

Von Thomas Wallner. Wallner ist Produzent transmedialer Inhalte, Autor, Regisseur und Spieledesigner. Er produzierte den interaktiven Film The Polar Sea 360°, sowie die Webseite des Films und wurde bereits mit einem Emmy-Award ausgezeichnet. Thomas reiste nach Grönland und zur kanadischen Arktis, um die 360-Grad-Reise zu drehen, die weltweit erste Dokumentation, die mit einer 360-Grad-Kamera aufgenommen wurde.

Grönländischen Küste

Zum ersten Mal nahm ich die Stille der Arktis auf dem Land in der Nähe von Pond Inlet wahr. Ich hatte mich von unserem Lager entfernt, als ich plötzlich Flügelschläge hörte. Ich blickte nach oben und sah eine Krähe 50 Meter über mir fliegen. Ich konnte das Rauschen der Luft hören, das entstand, wenn sie ihre Flügel bewegte. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie enorm still es hier draußen ist.

Ich war noch nie an einem Ort, der so ruhig war. Die Stille lässt die Weite so unendlich erscheinen und beschwört ein unheimliches Gefühl herauf: das Gefühl, die Weite könne einen verschlingen.

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„Die Stille lässt alles endlos erscheinen und sie gibt dir das nervenaufreibende Gefühl, du könntest von ihr verschluckt werden”

Drei Wochen zuvor hatte ich auf der Le Boréal, einem französischen Kreuzfahrtschiff, das die Küste Grönlands erkundete, für die Filmreihe Polar Sea gedreht. An einem Nachmittag war ich zusammen mit einer Gruppe Touristen und dem Touristenführer Didier Drouet, der uns gekonnt an den herumtreibenden Eisbergen vorbei navigierte, auf einem kleinen Schlauchboot vor Ilulissat. Es war kurz vor Sonnenuntergang und das Eis hatte eine atemberaubende Farbe angenommen. Keiner sagte etwas. Das einzige Geräusch, das man hörte, war das Tuckern des Außenbordmotors. Dann schaltete Didier den Motor aus und für einen Moment lang waren wir von vollkommener Stille umgeben. Doch nur kurz. Alle fingen auf einmal an über die belanglosesten Dinge zu plaudern und ich bekam den Eindruck, dass der Smalltalk eine instinktive Reaktion war, um die Stille zu überbrücken. So lange der Motor an war, war noch ein gewisser Rest von Zivilisation gegeben, wie eine akustische Nabelschnur, die uns verband mit dem Lärm des Schiffes, dem Getöse des Abendessens, den beruhigenden Lautsprecheransagen des Kapitäns und den immer präsenten Motoren, deren ohrenbetäubender Lärm von den Stahlschichten absorbiert wurde und in einem konstanten melodischen Summen durch die Hülle dröhnte. Nach einer Weile nimmt man es kaum noch war, aber man kann es an den Fingerspitzen fühlen, wenn man das Schiff berührt.

Plötzlich platzte eine ältere Britin auf dem Schlauchboot damit heraus, dass sie viel lieber den Klang der Arktis hören würde als unser unnützes Geplapper. In ihrer Bitte schwang ein bisschen Verzweiflung mit, als ob sie von jemandem kommen würde, der wusste, dass die Gelegenheit, etwas Besonderes zu erleben, gleich für immer verstreichen würde. Alle verstummten sofort und fühlten sich ein bisschen beschämt und betreten, dass wir etwas so Heiliges mit unseren gedankenlosen Stimmen besudelten und dankbar darüber, dass jemand sie zum Schweigen gebracht hat. Plötzlich rückte wieder die Arktis in den Mittelpunkt des Geschehens und das Hier und Jetzt nahm uns ein. Inmitten der Stille konnte man ein paar dezente Geräusche vernehmen. Das Planschen des Wassers. Das Brechen von Eis in der Ferne. Eine leichte kaum hörbare Brise. Kleine Bruchstücke aus Eis, die am Schlauchboot rieben. Und dann breitete sich wieder diese Weite, diese immense Leere aus, die unsere Existenz auf dem Boot zerbrechlich und das Meer und das Eis gewaltig und feindlich wirken ließ.

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„Diese riesige Leere machte sich wieder geltend und gab uns das Gefühl, in unserem kleinen Boot der endlosen und feindseligen See hilflos ausgeliefert zu sein”

Die Le Boréal war kilometerweit entfernt und nicht zu hören. Es fühlte sich an, als wäre ich einer heiligen Kommune des Schweigens mit Menschen, deren Namen ich nicht kannte und die ich nie wieder sehen würde. Dann machte jemand einen Atemzug, der etwas zu intensiv als nötig war. Jemand anders räusperte sich. Diejenigen, die steif da saßen und die Blicke der anderen mieden, begannen sich zu bewegen. Der Moment war vorbei, unser Guide Didier warf wieder den Motor an, dessen beruhigendes Geräusch ein Gespräch überflüssig machte und wir fuhren zurück zum Schiff.

Später beim Abendessen erzählte mir Didier, dass alle Touristen, die er raus aufs Meer fährt, auf die gleiche Weise reagieren. Solange der Motor läuft, spricht keiner, und sobald er aus ist, fangen alle unentwegt an zu quasseln bis der Motor wieder läuft. Er glaubt, die meisten Menschen haben Angst vor der Stille, sogar wenn sie nur kurz anhält.

Einmal pro Jahr fährt er zu einer Hütte in einer entlegenen Region Grönlands, wo er mehrere Wochen in absoluter Abgeschiedenheit verbringt. Die Stille ist dort so tiefgreifend, dass er sich seltsame Geräusche und Stimmen einbildet. Anfangs machten ihm diese Phantomgeräusche Angst, da sie sich wie Vorboten von Wahnvorstellungen anfühlten. Aber dann lernte er damit umzugehen und die Stimmen willkommen zu heißen, ebenso wie die tiefe Stille, die folgt, wenn auch die Stimmen verklingen. Jetzt sehnt er sie sogar herbei.

Ich musste an ihn denken, als ich von Nunavut nach Hause flog und dabei mehrmals umsteigen musste, jedes Mal in ein größeres Flugzeug, jedes Mal in einem lauteren Ort – bis wir schließlich in Ottawa ankamen. Ich schlenderte durch den Flughafen und mir fiel auf wie laut es hier war. Da ich mich nach einem Monat im hohen Norden an die Stille gewöhnt hatte, tat mir nun dieser Andrang von Lärm richtig im Kopf weh. Wie können wir mit diesem ständigen Lärm nur leben, ohne dabei verrückt zu werden? In den folgenden Tagen gewöhnte ich mich wieder daran und mir fiel die Antwort darauf ein. Wir filtern ihn heraus; das ständige Trommelfeuer des Lärms, in dem wir leben, nehmen wir nicht mehr wahr, genauso wie die Vibrationen des Motors, die sich durch die Schiffshülle der Le Boréal bewegen. Welche der beiden Halluzinationen ist die schlimmere? Die Stimmen, die dein Verstand in der Stille des Nordens erfindet oder die Einbildung von Stille, die er in der lauten Welt, in der wir leben, ersinnt? Eines weiß ich. Noch nie habe ich in meiner Stadt die Luft, die durch die Flügel einer Krähe strömt, rauschen hören.

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Die Dreharbeiten von Polar Sea 360° im Zeitalter der Anpassung

Von Kevin McMahon. Regisseur und kreativer Geist der Primitive-Entertainment-Produktion Polar Sea 360.° McMahon schrieb bereits 17 Filme für Primitive Entertainment, bei denen er ebenfalls Regie führte. Er arbeitet seit 25 Jahren in der Arktis. Dabei interessiert ihn vor allem die Beziehung zwischen Mensch und Natur, Technologie und der kanadischen Landschaft. In diesem Artikel macht sich McMahon Gedanken darüber, welch schwieriges und komplexes Unterfangen es ist, über die Veränderungen in der Arktis zu sprechen. Außerdem berichtet er darüber, was er bei den Dreharbeiten zur Filmreihe im weitesten Sinne über die Menschheit und die Zukunft unseres Planeten gelernt hat.

Mit dem Polar-Sea-Projekt wollten wir einen Blick auf die globale Erwärmung in der Arktis werfen – dort, wo sie am deutlichsten in Erscheinung tritt und die dramatischsten Formen angenommen hat. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Noch schwieriger als die Dreharbeiten in einer Klimazone wie der Arktis, war die Herausforderung, alle relevanten Komponenten zu berücksichtigen. Wenn man in der nördlichen Hemisphäre lebt, weiß man, dass die Arktis das Wetter beeinflusst. Und wenn man die Nachrichten verfolgt, weiß man, dass die Eisbären unter dem Rückgang des Meereises leiden, auf dem sie leben. Aber hinter der Fassade der offensichtlichen wissenschaftlichen Fakten gibt es jede Menge erstaunlicher Geschichten über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biologie, Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der nordwestlichen Arktis.

Jeder, der versucht, den Klimawandel zu verstehen, wird schnell erkennen, dass seine Interpretation von einem gewissen Kontext beeinflusst wird. Es überrascht nicht, dass viele Menschen, die in der kältesten Region der Erde leben, eine Erwärmung durchaus begrüßen. Die Gründe jedoch, warum sie dies begrüßen, sind sehr wohl überraschend. Doch ihre Einstellung zum Klimawandel und ihre Reaktionen darauf, ist etwas, das uns alle betreffen wird. Wenn zum Beispiel Menschen aus dem Norden Ölbohrungen in der Arktis stark befürworten, können Menschen aus dem Süden nichts tun, um sie zu verhindern – trotz der Umweltkampagnen zur “Rettung der Arktis”. Daher mussten wir, um auch diese Begleitfaktoren, die die Thematik mit sich bringt, zu berücksichtigen, auf die Geschichte dieser Region blicken.

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Unser Kollege Wolfgang Bergmann von ZDF/Arte, der dieses Projekt ins Leben rief, schlug vor, die Durchquerung der Nordwestpassage als Aufhänger für unsere Geschichte zu verwenden. Es stellte sich heraus, dass sich diese Idee mit unserem Projekt perfekt ergänzen ließ, da sie uns ermöglichte, alle anderen Geschichten in einer so noch nie dagewesenen neuen Realität miteinander zu verknüpfen. Vor zehn Jahren wäre es schlichtweg unmöglich gewesen, die Nordwestpassage in einem Segelboot zu durchqueren. Die Transformation der Passage von einem unzugänglichen Gral zu einem neuen schicken Touristenziel verdeutlicht uns die verblüffende Wahrheit: die Arktis, die wir bereisten um Polar Sea 360° zu drehen, ist ein vollkommen neuer Ort, der so nie zuvor existiert hat, zumindest nicht, seitdem die Menschen die Erde bevölkern.

Die Arktis ist ein vollkommen neuer Ort, der so nie zuvor existiert hat – zumindest nicht, seitdem Menschen die Erde bevölkern

Während unserer 10.000 Kilometer langen Abenteuerreise lernten wir eine Reihe ganz wunderbarer Menschen kennen, die durch die Passage reisten oder dort lebten. Die fünf Regisseure, die an der Filmreihe beteiligt waren, und die Crews, die sie filmten, waren bereits erfahrene Arktiskenner. Wir waren uns jedoch der Tatsache bewusst, dass die Perspektive der Zuschauer eine andere ist, als die der Menschen, die hier leben. Die Bewohner der Arktis sehen ein Land, das sie versorgt, ernährt und wärmt. Von außen betrachtet nimmt man nur unerbittliche Wildnis wahr, gegen die man ankämpfen muss. Unser Ziel auf dieser Reise war es, so viel wie möglich zu lernen und uns so fair wie möglich den unterschiedlichen Gesichtspunkten anzunähern.

Von Seglern, die die Nordwestpassage durchquerten, lernten wir, dass die Arktis die Landschaft ist, die von ihnen auf der Erde immer noch am meisten abverlangt. Und auf den sie umgebenden Ozean trifft dies umso mehr zu. Die meisten scheitern beim Versuch die Passage zu durchqueren. Sogar Touristen auf Kreuzfahrtschiffen stranden und Rettungskräfte sterben in der Arktis, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, in diesem riesigen und entlegenen Land.

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„Es stellte sich heraus, dass die Idee, die Nordwestpassage zu durchqueren, perfekt war, da sie uns ermöglichte, alle anderen Geschichten in einer so noch nie dagewesenen neuen Realität miteinander zu verknüpfen”

Von Wissenschaftlern lernten wir, dass wir uns in einer Welt befinden, die so zuvor nie existierte. Die “unberührte” arktische Luft, deren Beschaffenheit seit Jahrzehnten sorgfältig überprüft wird, weist einen immer weiter ansteigenden Kohlendioxidgehalt auf. Die Folge ist eine Erwärmung der Erde, deren Konsequenzen in vielen anderen Ökosystemen sichtbar sind: von den Tonnen an Eis, die sich aus den Gletschern Grönlands lösen, bis zu den sich verändernden klimatischen Bedingungen, die dazu führen, dass Tausende Karibus verhungern. Aber es geht nicht nur um diese Veränderungen und was sich daraus ergibt; was die Arktis zu einer wahrlich neuen Welt macht, ist, dass der Grund für dieses Chaos. Die Treibhausgase in der Atmosphäre haben Auswirkungen, die wir noch nicht abschätzen können. Jetzt, da wir Menschen akzeptiert haben, dass wir der Grund für die globale Erwärmung sind, sind wir mit einer noch größeren, beängstigenderen Wahrheit konfrontiert. Wir haben Kräfte in Gang gesetzt, die wir nicht mehr kontrollieren können und wir werden über Generationen mit ihnen zu kämpfen haben.

Von in der Arktis lebenden Menschen haben wir während unserer Arbeit am meisten gelernt. Schließlich ist es ihr Schicksal, das die Thematik des Klimawandels so eklatant macht. Sie leben in einer Zone, in der die Auswirkungen so tiefgreifend und offensichtlich sind, dass man fast meinen könnte, man befände sich in einem Zeitraffer. Außerdem ist die Arktis einer der wenigen Orte, dessen Bewohner daran gewöhnt sind, jede Veränderung ihrer Umwelt genauestens zu beobachten. Auch das biotische Geflecht von New York unterliegt dramatischen Veränderungen, aber nur wenige Menschen nehmen davon Notiz. Da ich schon seit vielen Jahren mit eingeborenen Jägern herumreise, habe ich gelernt, ihren Instinkten und Sichtweisen zu vertrauen. Die Lebensweise der Inuit und ihre Beobachtungsgabe in Bezug auf ihre Umwelt sind schon seit tausenden Jahren eng miteinander verknüpft. Sie haben nur wenig Erfahrung mit den Technologien, die uns in unseren Zivilisationen immer weiter von unserer Umgebung distanzieren. Wenn diese Jäger mir erzählen, dass die Lebenssysteme der Erde zusammenbrechen, nehme ich das sehr ernst – und mir wird klar, dass dies grundlegende Veränderungen erfordert.

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„Wir werden nicht nur Zeugen einer neuen Steinzeit, sondern eines Zeitalters massiver Ausrottung werde”

Wir haben von den Jägern der Inuit gelernt, dass die Brüche in der arktischen Nahrungskette viel komplexer sind als zunächst angenommen und Konsequenzen haben werden, die in viele Richtungen ausschlagen werden. Diese Lebensweise, selbst auf die Jagd zu gehen, die in vielen Geschichten in Polar Sea 360° gezeigt wird, wurde in den letzten 50 Jahren immer weiter untergraben und die daraus entsprungenen Probleme sind so tiefgreifend, dass heute viele die potentiellen finanziellen Gewinne willkommen heißen, die – wie man annimmt – die globale Erwärmung mit sich bringen wird. Egal ob sich die Hoffnungen auf diese Gewinne als real erweisen werden – und es gibt zahlreiche Beweise dafür, die dagegen sprechen – in jedem Fall wird es Einwände geben.

Wir wissen alle, wie zerbrechlich eine Technologiegesellschaft ist, wie leicht Lichter ausgehen oder eine Maschine ausfällt und wie schnell das Öl ausgeht. Während des Kalten Krieges waren die schlimmsten Befürchtungen, dass die Menschheit “wieder ins Steinalter zurückgebombt werden wird”. Unsere Freunde aus den Subsistenzgesellschaften sagen uns, so viel Glück werden wir leider nicht haben. Denn die Früchte der Erde, die den Menschen der Steinzeit ermöglichten, ein relativ komfortables Leben zu führen, verschwinden. Wir werden nicht nur Zeugen einer neuen Steinzeit, sondern eines Zeitalters massiver Ausrottung werden. Und – wenn wir jetzt mal die höflichen Floskeln weglassen – jeder, der das nicht versteht, ist ganz einfach ignorant oder dumm. Wir dürfen den Ignoranten und Dummen nicht gestatten, den zukünftigen Weg festzulegen, den wir einschlagen müssen. Denn – und auch das ist etwas, was ich von den Jägern gelernt habe – man muss der Realität entschlossen ins Auge sehen und sich dementsprechend anpassen.

Für die Inuit ist es kein Problem, gegen mächtigere Kräfte anzukämpfen. Sie kämpfen ständig gegen ihre natürliche Umgebung an und versuchen den Ansturm der Technologiegesellschaft zu überleben. Wie auch unser Held Richard Tegnér am Ende lernt: Wir haben keine andere Wahl als uns an die sich ändernden Klimabedingungen anzupassen. Dazu gehört es auch, alles Erdenkliche zu tun, um die Treibhausgase zu reduzieren und Weisheit walten zu lassen: Denn wir müssen begreifen, dass wir zukünftig mit zahlreichen Stürmen, Tragödien und Notlagen fertig werden müssen.

„Wie auch unser Held Richard Tegnér am Ende lernt: Wir haben keine andere Wahl als uns an die sich ändernden Klimabedingungen anzupassen”

Anders ausgedrückt: Zwangsläufig wird unser Zeitalter und das unserer Kinder das Zeitalter der Anpassung sein. Aus der Geschichte der Arktis lässt sich sehr gut ablesen, wie man sich in dieser Zeit am besten verhält. In einer Umwelt, die wohl die feindlichste auf der ganzen Erde ist, haben es Menschen trotzdem geschafft, über tausende von Jahren zu überleben. Wenn die Menschheit noch ein Jahrhundert überleben sollte, müssen wir uns der Tatsache stellen, dass die Lebenssysteme unseres Planeten in ein noch nie dagewesenes Chaos gestürzt worden sind und wir unsere gesamte Weisheit, Sensibilität, Intelligenz, unser ganzes Wissen und den ganzen Mut brauchen werden, um uns an die Entwicklungen anzupassen.

Letztendlich wird die Art und Weise, wie wir uns anpassen, sehr komplex sein. Was jedoch jedem von uns helfen wird, ist sich in einen dieser Jäger zu versetzen, der alleine durch die menschenleere Tundra reist und der nichts hat, was ihn oder sie antreibt, außer dem Glauben an seine Fähigkeit zu überleben, dem unermüdlichen Willen immer weiter zu gehen und dem Wissen, von dem geleitet zu werden, was uns die Umwelt selbst verrät.

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Von Richard Tegnér, schwedischer Architekt und erfolgreicher Erkunder der Nordwestpassage. Richard reflektiert über seine viermonatige Reise durch die Arktis.

15. September - Dutch Harbor, Alaska

Heute habe ich trotz des rauen Seegangs gut geschlafen. Ich habe nur so zum Spaß Tarot-Karten gelegt und zweimal hintereinander kam der Lautenspieler (der Narr) als erste Karte. Ich sehe das als ein gutes Omen und als etwas was ich gerne annehme. Ich habe ins Gästebuch geschrieben: “Jetzt befinde ich mich auf meiner letzten Station meiner Reise mit der Libellule, um in Dutch Harbor in Alaska das Boot zu verlassen. Während der 2450 Seemeilen war ich ein Teil der Schiffcrew und teilte ihre Oh, neins! und Hurras!

„Man denkt man könnte dieses Gefühl konservieren und mit nach Hause nehmen. Aber wenn man wieder daheim ist, verliert man es doch schnell. Ich hoffe diesmal wird dieses Gefühl weiterbestehen”

Es war für mich eine außergewöhnliche Erfahrung, so offen und großzügig und ohne jegliche Vorbehalte empfangen zu werden. Auch das hat es mir ermöglicht, die Reise durch die Nordwestpassage zu vollenden. Ich werde diese Erinnerung als wichtigen und wertvollen Teil meiner Reise sowie als Lebenserfahrung abspeichern. Wenn ich mich vom Dock entferne und die Libellule und ihre Crew verlasse, geschieht dies nicht ohne Trauer. Ich schätze den Großmut von Philipp und sein Bestreben verschiedene Themen zu diskutieren. Yves stand mir immer mit einem Lächeln zur Seite. Sylvain und seine Witze und Gesten und Michael mit seiner Wärme und Wissbegierde – ich sehe auch alle als meine Freunde an und ihr seid herzlich eingeladen mich und meine Familie wann immer ihr wollt zu besuchen. Viel Glück für euch alle!

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